Hintergedanken

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Wissenschaftspodcast

Neue Gedankenräume erobern.

Folge 12 - Martina Edin und Robert Slawski vom BUND - Wie Plastik unsere Erde überschwemmt

In der neuen Folge von HinterGedanken spricht Helen Looney mit Martina Edin und Robert Slawski vom BUND Braunschweig über deren Projekte, aktuelle Themen und insbesondere über die Nutzung von Plastik und was dessen übermäßige Produktion für fatale Auswirkungen auf unsere Umwelt hat.

Die Themengebiete des BUND sind breit gefächert und umfassen Umwelt-, Natur-, aber auch Tierschutz und werden nicht nur regional, sondern auch überregional ausgeführt. Die Arbeit für den BUND findet hauptsächlich durch ehrenamtliches Engagement statt. Dabei besteht der BUND aus zahlreichen regionalen und lokalen Gruppen, die sich selbständig organisieren und jeweils andere Schwerpunkte setzen, die vor Ort akut sind. Der BUND in Braunschweig hat den Fokus z.B. auf der Biotop-Pflege und dem Schutz von vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten und der Bewahrung alteinheimischer Pflanzen, z.B. mit Orchideenwiesen.

Am 28. September 2019 findet in und um Braunschweig der vom BUND Ostniedersachsen ins Leben gerufene Aktionstag „Plastik in und an der Oker“ statt. An diesem Tag soll die Bevölkerung auf das mittlerweile drastische Plastikproblem in unserer Umwelt aufmerksam gemacht werden. Dabei handelt es sich nicht nur um große Plastikteile, sondern auch um Mikroplastik, das die Umwelt verschmutzt. Hiermit sind Plastikteilchen gemeint, die kleiner 5 Millimeter sind.

Bei dem ganztägigen Plastik-Aktionstag gibt es verschiedenste Angebote, wie z.B. Müllsammelaktionen, Anleitungen zur Plastikvermeidung, Führungen, Filmvorführungen u.v.m.

Auch wird gemeinsam mit Dr. Anja Schwarz vom Institut für Geosysteme und Bioindikation der TU Braunschweig Okerwasser gefiltert und untersucht. In diesem Zusammenhang ist die Studie der Masterabsolventinnen Lina Büngener und Sarah-Maria Kluger zu nennen. Die beiden untersuchten fast den gesamten Flusslauf der Oker und stießen auf ein großes Umweltproblem. Sie fanden heraus, dass die Oker erheblich mit Mikroplastik belastet sei, denn ein beträchtlicher Anteil des Mikroplastiks trete auch noch unterhalb von Kläranlagen auf. Das heißt das Mikroplastik im Gewässer könne nach heutigem Stand der Technik von den Kläranlagen nicht herausgefiltert werden und bleibe weiterhin im Wasserkreislauf, aber auch im Sediment, erhalten.

Auf die Nachfrage zu dieser regelrechten Plastikflut führt Martina Edin die Industrie bzw. unseren Alltag an, der von Plastik geprägt sei und uns als Verbraucher*innen zuweilen wenig Chancen ließe, gänzlich auf Plastik zu verzichten. Vieles sei heutzutage in Plastik verpackt und auch unsere Gesellschaft trage zu der erhöhten Nachfrage bei. Als Beispiel wird der To-Go-Kaffeebecher genannt. Auch der Pappbecher bestehe teilweise aus Plastik und müsse entsprechend entsorgt werden – nicht nur der separate Plastikdeckel sei das Problem. Auch geht es im Gespräch um „kompostierbare“ Biomüll-Beutel, die man vermeintlich gemeinsam mit dem Biomüll entsorgen kann. Dies sei ein Irrglaube, denn diese Beutel kompostieren nicht so schnell wie der organische Müll, sie werden dann in weiteren Schritten lediglich zerkleinert und landen wiederum als Mikroplastik im Stoffkreislauf – wo sie letztendlich für uns Menschen, aber auch alle Tiere und Pflanzen zur Gefahr werden.

Bei all den ernüchternden Fakten über die größer werdende Gefahr, die von Plastik ausgeht, fragt man sich, was man als Einzelne*r dagegen tun kann. Edin und Slawski meinen beide, dass auch kleine Schritte hin zu einer umweltbewusstere Art zu leben, führen können. Tipps und Tricks beinhalten z.B. statt verpacktes Obst und Gemüse dieses eben lose zu kaufen oder zum Einkaufen immer einen Stoffbeutel mitnehmen (einfach immer in der Arbeitstasche dabeihaben). Kaffeeliebhaber*innen könnten sich auch angewöhnen immer einen Thermobecher oder wiederverwendbaren Kaffeebecher dabei zu haben.

Wofür der BUND sich noch alles einsetzt, was genau Bio-Plastik ist und ob dieses eine umwelt-schonendere Alternative darstellt, das erfahren Sie zusätzlich in dieser neuen Podcast-Folge. Hören Sie doch mal rein!

Linkliste: 
Kreisgruppe BUND Braunschweig: https://braunschweig.bund.net/
Aktionstag „Plastik in und an der Oker“: https://braunschweig.bund.net/themenund-projekte/plastik-aktionstag/
IGeo an der TU Braunschweig: https://www.tubraunschweig.de/igeo

Interviewpartner*innen:
Martina Edin
BUND Regionalkoordinatorin
BUND Regionalgruppe Ostniedersachsen

Robert Slawski
BUND Kreisgruppe Braunschweig  
Vorstandsmitglied & Pressesprecher des BUND Braunschweig

    Autor*in: Leonie Deubig

    Rückschau

    Folge 11 - Prof. Dr. Uwe Schröder - Bakterien, die Strom produzieren

    19.07.2019

    In der neuen Folge von HinterGedanken besucht Helen Prof. Dr. Uwe Schröder, den Direktor des Instituts für Ökologische und Nachhaltige Chemie der Technischen Universität Braunschweig. Der Elektrochemiker und seine Kolleg*innen beschäftigen sich mit der Entwicklung von umweltfreundlichen, chemischen Methoden der Energiewandlung und der Erforschung von Prozessen in der Umwelt, die z.B. durch Arzneimittelrückstände ausgelöst werden.

    Wie produzieren Bakterien Strom? Die Antwort auf diese Frage bildet den momentanen Forschungsschwerpunkt von Prof. Dr. Schröder. Seit ca. 15 Jahren werden spezielle Bakterien untersucht, die beim Abbau organischer Stoffe Elektronen an ihre Umwelt abgeben. Wenn man nun dafür sorgt, dass diese Elektronen auf eine Elektrode übertragen werden, dann gäbe es vielerlei Möglichkeiten. So könnten Bakterien zum Beispiel elektrische Energie erzeugen. Zahlreiche solcher Bakterienarten kämen in natürlichen, anaeroben Böden wie Abwasser oder Schlamm vor, aber z.B. auch im menschlichen Darm.

    Ein mögliches Einsatzgebiet dieser Bakterien stelle die Abwasserwasserbehandlung dar. Diese erfolge unter Einsatz von viel Energie, bis zu 10% des kommunalen Strombedarfs würden die Abwasserwerke momentan verbrauchen, so Prof. Dr. Schröder. Mit der Nutzung von Biobrennstoffzellen könnte durch die Reinigung des Wassers gleichzeitig neue Energie produziert werden. Der Vorteil dieses Verfahrens? Die Bakterien seien bereits im Abwasser enthalten und müssten nur noch an den Elektroden angereichert werden. Bei der Entwicklung dieser Elektroden arbeiten die Naturwissenschaftler*innen stets interdisziplinär mit weiteren Instituten und technologischen Unternehmen zusammen, da Ingenieur*innen gebraucht werden, um diese Verfahren auch in der Praxis umsetzen zu können.

    Das Institut für Ökologische und Nachhaltige Chemie der TU Braunschweig arbeitet mit zahlreichen Forschungseinrichtungen zusammen. Zurzeit führen Prof. Dr. Schröder und seine Kolleg*innen ein wichtiges Forschungsprojekt mit dem CUTEC Forschungszentrum der Technischen Universität Clausthal durch. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie die Elektroden in das Abwasser integriert werden können. Eine Biowerkstoffzelle, welche einen „Containermaßstab“ besitze, konnte bereits in ein Abwasserwerk in Goslar installiert werden. Für dieses Forschungsprojekt erhielt das Forschungsteam 2018 den deutschen Nachhaltigkeitspreis. Die Bakterien seien zwar im Moment noch nicht in der Lage, ohne Einfluss von externer Energie das Wasser zu reinigen, doch schon bei einer energieneutralen Nutzung wäre der Fortschritt enorm.

    Zum Ende des Gesprächs stellt Prof. Dr. Schröder weitere Forschungsprojekte vor und berichtet von seinem akademischen Werdegang, der ihn vom Berufswunsch des Naturforschers schließlich zur Elektrochemie brachte.

    Wie der Elektrochemiker in der Battery LabFactory Braunschweig (BLB) leistungsstärkere Batterien entwickeln und Chemie dazu nutzen möchte, um Kraftstoffe herzustellen und sie im Nachhinein wieder mithilfe von Kohlenwasserstoffen sauber zu verbrennen, das erfahren Sie in den letzten Minuten dieses Podcasts. Hören Sie doch mal rein!

    Linkliste:
    https://www.tu-braunschweig.de/oekochemie/uweschroeder 
    https://biooekonomie.de/interview/strom-aus-abwasser
    https://www.cutec.de/
    https://www.tu-braunschweig.de/forschung/zentren/nff/projekte/blb

    Interviewpartner:
    Prof. Dr. Uwe Schröder
    Institut für Ökologische und Nachhaltige Chemie
    Technische Universität Braunschweig

    Autor*in: Laura Franz + Hannah Eisenhuth

    Folge 10 - Mischa Möstl – Datentechnik, Kommunikationsnetze und Lego

    18.06.2019

    In dieser Folge ist Helen zu Gast am Institut für Datentechnik und Kommunikationsnetze an der Technischen Universität Braunschweig und führt ein spannendes Gespräch mit dem promovierenden Ingenieur Mischa Möstl. Er beschäftigt sich mit dem Sicherheitsnachweis für vernetzte, eingebettete Systeme, also der Frage, ob diese die geforderten Ansprüche an die Sicherheit und Fehlerfreiheit erfüllen können.

    Wir lernen zunächst Mischa Möstls Werdegang kennen. Nach einem begonnenen Physik-Studium in München und der Arbeit bei T-Systems konnte ihn der Studiengang Informationssystemtechnik für sich begeistern, den nur wenige Universitäten in Deutschland anbieten. Er stieß deshalb auf den Studienort Braunschweig, der nun schon seit 10 Jahren zu seiner neuen Heimat gehört.

    Mischa Möstl ist aktuell Mitglied in der Forschungsgruppe Controlling Concurrent Change (CCC), die sich mit der Zuverlässigkeitsanalyse von Systemen, genauer gesagt eingebetteten Plattformen in bspw. Computern, beschäftigt, mit dem Ziel, eine Plattform zu bauen, die möglichst fehlerfrei funktioniert. Kern der Arbeit sei der modellbasierte Entwurf von Systemen, bei dem es vereinfacht gesagt darum gehe, viel kleine Pläne in einen großen Plan zu integrieren und so das fehlerfreie Funktionieren einer Plattform zu gewährleisten. Statt direkt mit der Konstruktion eines Systems zu beginnen, werde daher bei CCC zuerst ein Modell gebaut. Anhand eines Beispiels versucht Mischa Möstl die Methode zu verdeutlichen: Wenn man mit Lego spiele, könne man sich, statt direkt drauf los zu bauen, zuerst den Bauplan anschauen, der jeder Verpackung beiliegt. Dieser Bauplan wäre in CCC das Modell, nach dem das System anschließend erschaffen werde. Anhand dieses Modells könne nun überprüft werden, ob das System bestimmte Anforderungen erfülle und welche Wechselwirkungen sich zwischen den einzelnen Systemkomponenten ergeben könnten.

    Neben CCC ist Mischa Möstl Teil des Projektes UNICARagil, welches sich mit der Konstruktion hochautomatisierter Fahrzeuge befasst. Mischa Möstl beschäftigt sich dabei mit der Frage, wie man die Kommunikation in zukünftigen Fahrzeugkonzepten abwickeln könne. Helens Nachfrage, ob diese Autos dann noch Lenkräder hätten, beantwortet er mit einem klaren „Nein“. Denn wenn der Mensch immer noch als Überwacher fungieren könne, obwohl von den Ingenieur*innen ein fehlerfreies Fahren im Straßenverkehr erwartet werde, würde dies den Automatisierungsgrad, so Möstl, in Frage stellen. Er beschreibt die verschiedenen Automatisierungsgrade wie folgt: Fahrzeuge, die man zurzeit im Handel kaufen könne, besitzen den Grad 2. Viele moderne Autos besäßen schon den Grad 3, sie beinhalten Systeme wie einen Spurhalter-Assistenten oder Abstandsmesser, die jedoch immer noch auf den Menschen als Kontrollinstanz angewiesen seien. Bei Grad 4 werde der Zeithorizont vergrößert, in dem der Mensch seine Konzentration abwenden darf, z.B. auf der Autobahn, während in Grad 5 der Mensch als handelndes System gar nicht mehr gebraucht werde. Mischa Möstl überlegt sich in seiner Forschungsarbeit wie das Kommunikationsnetz in einem solchen Fahrzeug aussehen muss, wann es sicher genug ist und ob alle definierten Anforderungen an das System erfüllt werden. Leider, so der Stand der Dinge, seien die Ingenieur*innen noch weit von Grad 4 entfernt. Im Gegensatz zum schnelllebigen Einsatz von Smartphones, wo stets neue Software getestet und Fehler mit neuen Updates behoben werden, könne man sich Fehler beim Programmieren von Autos nicht erlauben, die Auswirkungen wären zu riskant.

    Und wer profitiert von den Hochautomatisierungsfahrzeugen? Dient es nur dem Fahrspaß? Helen und Mischa Möstl sehen die Vorteile eher für Pendler*innen, die täglich eine hohe Zahl an Kilometern zurücklegen müssen, und für die ländliche Bevölkerung, die teilweise auf Autos angewiesen sei, da die Mobilität durch öffentliche Verkehrsmittel meist nicht ausreichend gegeben sei.

    Zum Abschluss des Gespräches erfahren wir mehr über Mischa Möstls persönliche Einschätzung zur Digitalisierung, seiner Arbeit und dem ingenieurwissenschaftlichen Studium. Es gefällt ihm, dass es in seiner Branche dynamisch zugehe, es gebe signifikante Unterschiede in den jeweiligen Kommunikationsnetzen (siehe Smartphone vs. Mobilität) und dadurch vielerlei Herausforderungen, die gemeistert werden müssten. Trotz des nicht stoppenden Wandels durch die Digitalisierung sei das Studium zumindest im Master auf dem neuesten Stand, aber auch so seien die Prinzipien und Basics aus dem Grundstudium auf alles anwendbar. Ein Computer zum Beispiel funktioniere heute immer noch nach den gleichen Grundprinzipien wie damals. Wenn Sie jetzt noch erfahren möchten, ob Mischa Möstl ein Fahrrad- oder Automensch ist, und wie er seine Arbeit so verständlich erklärt, dass sie Sechstklässler*innen verstehen, dann hören Sie in unseren Podcast rein. Wir wünschen Ihnen viel Spaß dabei!

    Linkliste:
    https://www.ida.ing.tu-bs.de/home/mitarbeiter/mischa-moestl/
    http://ccc-project.org/
    http://www.unicaragil.de/

    Interviewpartner:
    Mischa Möstl
    Institut für Datentechnik und Kommunikationsnetze
    Technische Universität Braunschweig

    Autor*in: Laura Franz + Hannah Eisenhuth

    Folge 9 - Professorin Folke Köbberling – Ressourcen, die sich im Abfall verstecken

    27.02.2019

    In den 30er-Jahren eine Versuchsanstalt für schusssicheren Beton, später dann ein Atelier für Bildhauer*innen und auch mal das Institut für künstlerisches Gestalten – Helen Looney trifft in der neunten Podcastfolge von „HinterGedanken“ Professorin Folke Köbberling, Leiterin des Instituts für Architekturbezogene Kunst (IAK). Auch die Art der Lehre, die den Lernenden vermittelt wurde, änderte sich mit den Jahren, so Köbberling. Wo früher viel mit Ton gearbeitet und Bronze gegossen wurde, gehe es heute um das Bearbeiten aller anfallenden Materialien und das Nutzen von Ressourcen und „Abfall“, der in dem Sinne eigentlich keiner sei.

    Schon zu Beginn des Gesprächs wird deutlich, dass es beim IAK darum geht, ein besonderes Bewusstsein für behutsames, künstlerisches Arbeiten zu entwickeln. Anstatt für Projekte neue Holzfaserplatten zu kaufen, sollten die Studierenden lernen, schon Vorhandenes zu nutzen, es zu recyceln und damit neue Arbeiten zu gestalten. Man müsse z.B. Holz zwar abschleifen, Ecken runden und neu zuschneiden, trotzdem habe diese Art des Arbeitens und der Wiederverwertung zahlreiche Vorteile. Zudem würden die Studierenden in diesem Falle handwerkliche Grundkenntnisse von den unterschiedlichsten Kunstschaffenden und aus den verschiedenen Bereichen bekommen.

    Die zwei weiteren Schwerpunkte des IAK seien neben der bereits erwähnten Materialverwendung, die „Mobilität“ und der „Öffentliche Raum“, berichtet Köbberling. Im Seminar „Ich bin mein Auto“ wurden z.B. unterschiedliche Fragestellungen zu neuen Mobilitätsformen untersucht. Das Auto als Statussymbol wurde dekonstruiert und neu interpretiert. Köbberling selbst sei ein Fan vom Trampen. Sie sehe darin die Chance für persönliche Gespräche und Austausche, die so auf eine andere Art und Weise stattfinden könnten – ohne die mittlerweile allpräsenten sozialen Medien. Als Akt der Wahrnehmung, und um die Studierenden zu sensibilisieren und zu mobilisieren, hab Folke Köbberling ihren Studierenden außerdem die Aufgabe erteilt, ein Auto durch den Wald zu schieben – und erläutert hier im Podcast, wie sie das geschafft hat.

    Zusammen mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Gergely László leitete Folke Köbberling außerdem das Seminar „Der Platz“. Die Architekturstudierenden entwickelten hier fünf künstlerische Arbeiten, die anschließend auf dem Universitätsplatz der TU Braunschweig in fünf Akten umgesetzt wurden. Um den Menschen und TU-Studis z.B. bewusst zu machen, dass der Universitätsplatz, wenn auch nur als Durchgangsmöglichkeit, doch sehr wichtig für die Uni-Infrastruktur sei, habe eine Studentin im ersten Akt den Platz einen ganzen Tag lang vollständig eingezäunt und später nur eine Schneise als möglichen Weg gelassen. Der zweite Akt war eine Zukunftsvision für einen Hauptcampus mit allen Gebäuden der TU Braunschweig, die aufeinandergestapelt wurden. Das Projekt machte auf die vielen im Ort und am Stadtrand verteilten Campusse der TU Braunschweig – und auf die damit zusammenhängenden Herausforderungen – aufmerksam. Die dritte Arbeit bezog zahlreiche unbekanntere Initiativen im TU-Umfeld ein. Ein flexibler QR-Code wurde auf die Bodenplatten des Platzes gezeichnet, über welchen dann die Studierendeninitiativen zwei Monate lang für sich oder ihre Veranstaltungen werben konnten. Die vierte Arbeit griff den Brunnen auf dem Universitätsplatz auf. In Form von sich spiegelnden Dreiecken wurden im wahrsten Sinne des Wortes die Bewegungsabläufe der Studierenden reflektiert. Und die Installation „Stairs to Heaven“, gebaut aus Holzplatten, ermöglichten im fünften Akt derweil einen völlig neuen Blick auf den Universitätsplatz.

    Zum Gesprächsabschluss diskutieren beide noch über die Vor- und Nachteile von Denkmalschutz – den auch die TU Braunschweig betrifft. Köbberling berichtet außerdem von ihrem Leben und der Arbeit in Berlin. Missstände in der Stadtplanung oder -architektur aufzeigen, sei ein Fokus ihres künstlerischen Schaffens. Die Professorin erwähnt des Weiteren ihr einschneidendes Jahr als Gastdozentin in Los Angeles. Mobilität werde dort nochmal ganz anders wahrgenommen und umgesetzt als z.B. in Deutschland.

    Linkliste: 
    Institut für Architekturbezogene Kunst an der TU Braunschweig 
    Website von Professorin Folke Köbberling
    TU Braunschweig-Magazinbeitrag zur Aktion "Der Platz" 
    TU Braunschweig-Magazinbeitrag zum Seminar "Ich bin mein Auto"

    Interviewpartnerin:
    Prof. Folke Köbberling
    Institut für Architekturbezogene Kunst
    Technische Universität Braunschweig

    Autor*in: Hannah Eisenhuth

    Folge 8 - Dr. Dr. Jens Simon - Wie man Sprache physikalisch misst

    25.01.2019

    In der ersten Folge des Jahres 2019 ist Helen Looney zu Besuch in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bei Dr. Dr. Jens Simon. Hier könne er als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit seine beiden Expertisen, die Theoretische Physik und die Germanistik, sehr gut miteinander kombinieren. Für ihn als Wissenschaftsjournalist sei es ein Aufklärungsauftrag, in Form von Schulbesuchen, Vorträgen, Tage der offenen Türen und Workshops, der Bevölkerung wichtige Neuerungen sowie Forschungs- und Entwicklungsergebnisse zu vermitteln.

    Am Braunschweiger Standort der PTB arbeiten ca. 1500 Beschäftigte, die sich mit den Fragen des richtigen Messens aller physikalischen Größen beschäftigen, seien es Kräfte, Drücke, Töne oder die Zeit.

    Die PTB beheimate einen berühmten Platinzylinder, nämlich das nationale Kilogramm - eine Kopie des Ur-Kilogramms, welches im französischen Sèvres bei Paris im Internationalen Büro für Maß und Gewicht aufbewahrt wird. Die PTB gebe damit die entsprechende richtige Einheit weiter, welche wiederum festgelegt sei durch das Maßsystem der Internationalen Meterkonvention, beschreibt Jens Simon. Seit Jahren arbeite die PTB jedoch an einem Silicium-Ur-Kilogramm, also ein Kilogramm, welches u.a. auf Naturkonstanten zurückzuführen sei und daraufhin unabhängig von äußeren Einflüssen seinen Wert bis mehr als acht Stellen nach dem Komma stetig halten könne - im Gegensatz zum bisherigen Platin-Iridium-Kilogramm. Warum man ausgerechnet Silicium nutze und sich hier auf Naturkonstanten konzentriere, erklärt Simon im weiteren Gespräch.

    Die PTB beschäftige sich folglich mit der jeweiligen Neudefinition der sieben Basiseinheiten (Meter, Kilogramm, Sekunde, Ampere, Kelvin, Candela und Mol). Den vorläufigen, erfolgreichen Abschluss fand dieser Prozess Mitte November 2018 auf der "Generalkonferenz für Maß und Gewicht" in Versailles. Ab dem 20. Mai 2019 - dem "Tag des Messens"/"Weltmetrologietag" - trete die Umsetzung des neuen Einheitensystems offiziell in Kraft. Die Pressestelle der PTB habe nun den Auftrag, die Öffentlichkeit und Verbraucher*innen auf diese Veränderungen hinzuweisen, auch wenn sie die Auswirkungen im Alltag nicht spüren werden.

    Weiterhin kommen Helen Looney und Jens Simon natürlich auch auf die Atomuhr in der PTB zu sprechen. Es geht um die bekannte Aussage "In Braunschweig wird die Zeit gemacht". Simon erklärt, die Weltzeit werde aus ungefähr 400 in der gesamten Welt verteilten Atomuhren gebildet. Alle Nationen meldeten ihre Ergebnisse an die Zentralstelle nach Paris, welche dann eine allgemein gültige Weltzeit errechne. Da Deutschland nah an Frankreich liege, müssten nur kleine Korrekturen stattfinden und man könne daher sagen, die Weltzeit würde zu 50-60% in Deutschland entstehen. Für Deutschland habe die PTB in Braunschweig außerdem den Auftrag der Bundesregierung, sich um alle Maßangelegenheiten zu kümmern. Die deutsche Zeit stammt also tatsächlich aus Braunschweig und wird über den Langwellensender DZF77 an alle Funkuhren in Deutschland und die meisten in Westeuropa weitergeleitet.

    "Die PTB als Wiege der Quantenphysik": Die damalige Reichsanstalt (PTR), noch mit Berlin als einzigem Standort, sei Ende des 19. Jahrhunderts die Experimentieranstalt für den Beginn der Quantenmechanik gewesen. Hier gab es nämlich die Möglichkeiten, die Ideen des deutschen Physikers Max Planck zu seinem Planck'schen Strahlungsgesetz zu überprüfen, so Dr. Simon in seinem kleinen Exkurs zur Geschichte der PTB. Und neben weiteren Nobelpreisträgern habe auch Albert Einstein im Kuratorium der PTR gearbeitet und als Berater und Vermittler zwischen der PTR und dem damaligen Wirtschaftsministerium fungiert. Ein Kuratorium gibt es auch heute noch. Simon spricht abschließend auch über das dunkle Kapitel der Reichsanstalt während des Nationalsozialismus' und der u.a. daraus resultierenden Verlagerung des Standortes von Berlin Charlottenburg nach Braunschweig.

    Linkliste:
    Website PTB 
    Meterkonvention 
    Magazin "maßstäbe" 
    Das neue System der Einheiten 
    Kulturrevolution im Einheitensystem
    Hören Sie sich außerdem auch die 6. Folge von HinterGedanken an, in der Helen Looney mit Michael Kazda von der PTB aus der Abteilung 4.4 Zeit und Frequenz spricht.

    Interviewpartner:
    Dr. Dr. Jens Simon
    Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Physikalisch-Technische Bundesanstalt Braunschweig 

    Autor*in: Hannah Eisenhuth

    Folge 7 - Professorin Corinna Bath

    21.12.2018

    In der Dezemberfolge von HinterGedanken trifft Helen Looney Professorin Corinna Bath. Sie hat die Maria-Goeppert-Mayer-(MGM)-Professur "Gender, Technik und Mobilität" an der Technischen Universität Braunschweig und der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften inne. Wie der Titel schon andeutet, steht die Professur zwischen der Geschlechterforschung und den Ingenieurwissenschaften und versucht zwischen diesen beiden Bereichen zu vermitteln.

    Baths Aufgabe sei es, Übersetzungen dieser Disziplinen in beide Richtungen vorzunehmen, d.h. diejenigen, die sich verstärkt mit Gesellschaft, Kultur, Medien usw. beschäftigen, müssten auch mehr von Technik verstehen. Und für die Ingenieurwissenschaften sei es ebenso wichtig, sich mit Geschichte, Philosophie und Geschlecht usw. zu beschäftigen.

    Mit einem aktuellen Beispiel zur Umsetzung des Themas Hausarbeit bei/in Smart Houses macht Bath klar, was passiere, wenn diese Verknüpfung nicht oder wenig berücksichtigt werde. Im Allgemeinen sei es häufig so, dass die Personen, die Technik entwickeln, meist lediglich von sich selbst ausgehen und/oder technische Spielereien erfinden. Die vielfältigen Bedürfnisse anderer Menschen hätten die Entwickler*innen eher weniger im Sinn. Nutzende, die nicht der Norm entsprechen, die z.B. zu klein seien oder die "falsche" Sprache sprechen, bekämen Probleme mit der Bedienung von Anwendungen. Professorin Baths Arbeitsgruppe schaue daher, welche sozialen Ein- und Ausschlüsse alle Arten von Technologien herstellen. Neben der Sprache seien dies z.B. auch die Kategorien Geschlecht und Alter.

    Weiter geht es im Gespräch mit den Themen Genderforschung im autonomen Fahren, Pflegeroboter, Technikakzeptanz und Forschung zu Stereotypen in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen. Wie entstehen diese und wie könnten sie vermieden werden? Die Arbeitsgruppe um Bath versuche den Ansatz des "Participatory Designs" voranzubringen. Das seien beteiligungsorientierte Methoden der Technikgestaltung und bedeute, dass die späteren Nutzenden schon sehr früh in die Technikentwicklung einbezogen werden. Die Bedarfe, Bedürfnisse, Wünsche, Kompetenzen der Menschen würden von Beginn an betrachtet und es werde gemeinsam an Technologien oder Artefakten geforscht und gearbeitet.

    Bath spricht außerdem über ihre Lehre an der Technischen Universität Braunschweig und der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. An der TU biete sie ihre Kurse einerseits im übergeordneten Pool-Bereich an, aus denen alle Studierenden der TU wählen können und andererseits im interdisziplinären Masterstudiengang Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt. Dadurch kämen stets Kurse zusammen, in denen sehr interdisziplinär gearbeitet werde, Maschinenbaustudis treffen auf Sozial- oder Geisteswissenschaftler*innen und können voneinander lernen.

    Corinna Bath habe sich schon sehr früh für die Geschlechterforschung interessiert. Die akademische Laufbahn begann mit dem Studium der Mathematik und der anschließenden Diplomarbeit in der Logik- und Mengenlehre. Schon da ging es ihr um den gesellschaftlichen Aspekt in dem Fach und ihr fiel auf, dass der Frauenanteil in der Disziplin recht gering sei. Je weiter in der Hierarchie man nach oben blicke, desto weniger Frauen gebe es dort.

    Nach dem Studium wechselte sie in die Informatik und bekam die Möglichkeit, mehr Geschlechterforschung in die Universitätslehre einzubringen und die beiden Bereiche miteinander zu verschränken. Promoviert hat Bath in Bremen, dazu kamen Forschungsaufenthalte und -projekte in Wien und Graz, die Post-Doc-Stelle an der Humboldt-Universität Berlin und Projekte an der Technischen Universität Berlin. 2012 folgte sie dem Ruf an die Technische Universität Braunschweig.

    Aktuell forschen Bath und ihre Arbeitsgruppe z.B. an Projekten zum autonomen/automatisierten Fahren oder zu Geschlecht in der Lehre und Geschlechterwissen in verschiedenen Disziplinen. Zusätzlich ist sie Sprecherin des interdisziplinären Graduiertenkollegs KoMMa.G ("Konfigurationen von Mensch, Maschine und Geschlecht").

    Linkliste:
    Professur "Gender, Technik und Mobilität" an der TU Braunschweig
    Braunschweiger Zentrum für Gender Studies
    Graduiertenkolleg KoMMa.G ("Konfigurationen von Mensch, Maschine und Geschlecht")

    Interviewpartnerin:
    Prof. Dr.-Ing. Corinna Bath
    Maria-Goeppert-Mayer-(MGM)-Professur „Gender, Technik und Mobilität“
    Technische Universität Braunschweig
    Fakultät für Maschinenbau
    Institut für Flugführung

    Autor*in: Vanessa Krogmann

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