Rückschau (Foto: ©Studierende der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften)

Rückschau

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Das Veranstaltungsarchiv

Neue Gedankenräume erobern.

Was bisher so bei uns los war:

Schöne neue Arbeitswelt? Sinn und Selbstbestimmung in Zeiten des Strukturwandels

19. Oktober 2017
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Arbeit verändert sich. Auf der einen Seite erleben wir eine zunehmende Digitalisierung, Beschleunigung und Verdichtung von Arbeit. Auf der anderen Seite entwickeln sich neue Formen der Unternehmensführung. Im Spannungsfeld steht der Arbeitnehmende, dessen Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und Gestaltungsmöglichkeit wächst. Dabei stehen der Verlockung von Flexibilität und Selbstbestimmung oft prekäre Arbeitssituationen und Selbstausbeutung gegenüber.

Wir wollen diskutieren, wie einerseits ArbeitgeberInnen unter den veränderten Rahmenbedingungen gute Arbeitsbedingungen schaffen können. Und wie andererseits ArbeitnehmerInnen Leistung und Wohlbefinden miteinander in Einklang bringen können.

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Unser Arbeitsleben hat sich grundlegend geändert. Im Wirtschaftswunderland Deutschland der 50er Jahre war es üblich, bei einem Unternehmen jahrzehntelang angestellt zu sein, oft blieb die erste Anstellung im Leben zugleich auch die einzige. Die dauerhafte unbefristete Vollzeitbeschäftigung war damals die Normalität.

Das hat sich grundlegend geändert. Junge Menschen sind es gewohnt, ihren Job mittlerweile alle zwei Jahre zu wechseln. Ganz einfach, weil dauerhafte unbefristete Stellen seltener werden. Die vollständige Integration in die sozialen Sicherungssysteme und die dauerhafte Identifikation mit einem Unternehmen bröckeln. Seit den 80er Jahren hat die Politik den Arbeitsmarkt dereguliert und befristete Stellen, Leiharbeit, Minijobs und Scheinselbstständigkeit haben zugenommen. Spätestens seit den Hartz-Gesetzen in den 2000er-Jahren hat sich diese Entwicklung beschleunigt. Während 1991 nur 4,4 Millionen Menschen befristet, in Teilzeit, geringfügig oder als Leiharbeiter beschäftigt waren, erreichte deren Zahl im Jahr 2011 mit über acht Millionen ihren Höhepunkt - eine Zunahme von 81 Prozent.

Der Druck des Arbeitsmarktes auf den Arbeitnehmer nimmt zu, und damit der Stress. Am Arbeitsplatz selbst sind die Hauptstressfaktoren oft zu hohes Arbeitspensum, Termindruck, Arbeitsunterbrechungen, schlechte Personalführung und die Informationsflut. Insbesondere durch die Digitalisierung und Email-Kommunikation wird von vielen Arbeitnehmern heutzutage Dauerverfügbarkeit erwartet.

Das eine Berufstätigen-Extrem ist der Angestellte, der unter hoher Arbeitslast leidet, ständig um seinen Job bangt und sich die Sinnfrage stellt, inwieweit er sich in der Organisation selbst verwirklichen kann. Oder - das andere Extrem - er verwirklicht sich als einer von immer mehr Selbstständigen hierzulande, dafür trägt er jedoch ganz alleine die gesamte Last der Verantwortung für die finanzielle und soziale Absicherung, was nicht selten zu massiver Selbstausbeutung führt.

Das alles hat Folgen: In einer aktuellen repräsentativen Befragung der Techniker-Krankenkasse (TK-Studie 2013) geben 70 Prozent der befragten Erwerbstätigen an, manchmal oder häufig gestresst zu sein. Rund die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass der Job dafür die Ursache ist. Wird der Stress zum Dauerzustand, kann er in Erschöpfungszustände münden: Burnout, Depression. Seit 1994 haben die Arbeitsunfähigkeits-Tage wegen psychischer Erkrankungen um 91 Prozent zugenommen - das ist nahezu eine Verdoppelung. Psychische Belastungen sind inzwischen Ursache Nummer eins für Frühverrentungen, die im Schnitt mit 48,3 Jahren erfolgt. Bereits jeder fünfte Arbeitnehmer leidet unter gesundheitlichen Stressfolgen - von Schlafstörungen bis zum Herzinfarkt.

Wir wollen diskutieren, wie Arbeitgeber unter den veränderten Rahmenbedingungen gute Arbeitsbedingungen schaffen und wie Arbeitnehmer Leistung und Wohlbefinden miteinander in Einklang bringen können. Unsere Gäste an diesem Abend bringen dabei verschiedene Perspektiven auf das Thema ein: Dietrich von der Oelsnitz ist Professor für Organisation und Führung an der Technischen Universität Braunschweig. Er leitet dort das Institut für Unternehmensführung, und erforscht, wie Firmen Arbeitsprozesse den Umgang mit ihren Angestellten verbessern können. Christine Müller ist eine von vier GeschäftsführerInnen und Gründerinnen der Gärtner Datensysteme GmbH & Co. KG, Braunschweig, ein Internetprovider für Unternehmen. Ihren Idealismus, sagt Frau Müller, habe sie sich bewahrt. In ihrem Betrieb läuft einiges anders. Karin Leven ist Organisationsberaterin und Coach - sie kennt die Belange und Wünsche von Arbeitgebern und -Nehmern und berät beide Seiten.

Referenten

Christine Müller (Foto: ©Joachim Beggerow )
Christine Müller
Gärtner Datensysteme GmbH & Co. KG

Ihr Statement: "Teilzeitarbeit: Geht nicht gibt's nicht."

Karin Leven (Foto: ©privat)
Karin Leven
Personal- und Organisationsentwicklung, Coaching

Ihr Statement: "Vom "muss" zum "will" - unsere Gestaltungsmöglichkeiten sind oft größer als wir denken."

Prof. Dr. Dietrich von der Oelsnitz (Foto: ©privat)
Prof. Dr. Dietrich von der Oelsnitz
Technische Universität Braunschweig, Institut für Unternehmensführung, Lehrstuhl für Organisation und Führung

Sein Statement: "Unternehmen legen nicht immer genug Wert auf eine gesundheitssensible Arbeitsorganisation."

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Schule Besser als ihr Ruf?

28. September 2017
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Das Thema Schule weckt viele Emotionen, denn wir alle waren einmal SchülerInnen, viele von uns haben Schulkinder und wir kennen LehrerInnen.

Seit Jahren erproben die Schulen verschiedene Unterrichtsmethoden und Lernbedingungen: kleinere Klassen, altersgemischte Lerngruppen oder doch lieber das Lernen mit einem gewissen Leistungsdruck?

Was bringen all diese Konzepte wirklich? Was ist guter Unterricht? Und: Sind es allen Reformen zum Trotz am Ende doch die LehrerInnen, die den größten Anteil am Lernfortschritt tragen, wie eine Auswertung tausender Bildungsstudien zeigt?

Kommen Sie ins Haus der Wissenschaft und reden Sie mit!

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Spätestens seit der Pisa-Studie im Jahr 2001 ist Bildung in Deutschland ein Thema, das die Gesellschaft bewegt. Seit dem „Pisa-Schock“ hat sich viel getan, in nachfolgenden Studien haben sich die Ergebnisse deutscher Schüler über die Jahre hinweg kontinuierlich verbessert. Nichtsdestotrotz bleibt Bildungspolitik ein Thema zu dem viele eine Meinung haben und glauben, es besser zu wissen als ausgebildete Pädagogen. Symptomatisch dafür ist das medienwirksame Auftreten selbsternannter Bildungsexperten wie Richard David Precht, Gerald Hüther oder Jesper Juul, die immer wieder „Bildungsrevolutionen“ fordern und mit großem Erfolg Bücher verkaufen, in denen sie ihre Patentrezepte für eine bessere Schule anpreisen. Wissenschaftlich fundierte Belege für deren Überlegenheit bleiben sie jedoch schuldig.

Einer aber blieb diese Belege nicht schuldig: Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie, Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor des Melbourne Education Research Institute an der University of Melbourne (Australien), analysierte über viele Jahre hinweg Hunderte von wissenschaftlichen Studien aus der Unterrichtsforschung, bei denen insgesamt 250 Millionen Schüler beteiligt waren. In seiner Meta-Analyse wertete Hattie schließlich unterschiedlichste Unterrichtskonzepte hinsichtlich ihres Lernerfolgs aus – und erhielt am Ende eine Art Best-Practice-Anleitung für guten Unterricht. Dabei kamen einige überraschende Erkenntnisse zutage, die alten Überzeugungen und lange Zeit Geglaubtem widersprachen, dieses Mal jedoch fußend auf wissenschaftlich-empirischer Evidenz.

Zentrale Erkenntnis der Hattie-Studie: Die Arbeitsweise und die Persönlichkeit des Lehrers sind einer der wichtigsten Faktoren für den Lernerfolg. Entscheidend ist, dass der Lehrer sich immer wieder Feedback bei den Schülern einholt und den Lernerfolg überprüft. Weitere Erkenntnisse: Lehrergeleiteter Unterricht wirkte sich positiver auf Lernerfolg aus als offenere Lernformen, Gruppenarbeit und jahrgangsübergreifender Unterricht. Besonders überraschend: Kleinere Klassen und bessere finanzielle Ausstattung der Schule hatte kaum Auswirkungen auf den Lernerfolg.

Wir diskutieren bei unserer Veranstaltung „Schule – besser als ihr Ruf?“ mit den beiden Schulleiterinnen Ursula Hellert, Ilona Gerhardy-Grotjan, dem Bildungsforscher Marcus Friedrich und dem Bildungspolitiker Christoph Bratmann über die Erkenntnisse der Hattie-Studie, ihrer Umsetzung in den Schulen und den noch zu bewältigenden Problemen und Herausforderungen dabei. Diskutieren Sie gerne mit! Im Anschluss an die einstündige Podiumsdiskussion stehen alle ReferentInnen und Referenten wie immer Ihren Fragen Rede und Antwort.

Autor: Jens Lubbadeh

Referenten

Ursula Hellert (Foto: ©CJD Braunschweig)
Ursula Hellert
Gesamtleiterin des CJD Braunschweig

Ihr Statement: „Der Mensch ist als lernendes Wesen geschaffen. Darum ist für das System Schule das Beste gerade gut genug.“

Ilona Gerhardy-Grotjan (Foto: ©Tobias Müller)
Ilona Gerhardy-Grotjan
Schulleiterin der Hoffmann-von Fallersleben-Schule

Ihr Statement: "Leidenschaftliche Lehrer machen Schule gut."

Dr. Marcus Friedrich (Foto: ©Foto Artmann)
Dr. Marcus Friedrich
Institut für Pädagogische Psychologie, Technische Universität Braunschweig

Sein Statement: "Schule ist ein komplexes System auf das viele Variablen einwirken und von dem wir uns viele Ergebnisse erhoffen. In vielen Bereichen steht die Forschung dazu erst am Anfang."

Christoph Bratmann (Foto: ©privat)
Christoph Bratmann
Mitglied des Niedersächsischen Landtags

Sein Statement: "Schule kann heutzutage nicht mehr nur darauf ausgelegt sein, den Schülerinnen und Schülern möglichst viel Stoff zu vermitteln, sondern es geht darum Zugänge zu ermöglichen."

 

 

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Mobilität Automatisiert - vernetzt - intermodal

15. Juni 2017
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Digitalisierung heißt der Wandel unserer Zeit. Für Reisende soll sie mehr Flexibilität, Komfort und Schnelligkeit bringen. Busse fahren ohne festen Fahrplan, wann und wo die Fahrgäste ihn bestellen – vielleicht sogar ohne Fahrer. Dienstreisende arbeiten auf der Autobahn, Autos „sprechen“ Spurwechsel miteinander ab und fahren gleiche Wege aneinandergekoppelt. Wenn doch mal Stau ist, steigt man spontan in den nächsten Zug – eine App mit aktuellen Infos aller Verkehrsträger kennt immer den besten Weg. Solche Szenarien werden möglich dank Automatisierung, Vernetzung und Intermodalität. Doch wie weit sind wir technisch davon noch entfernt? Wie versteht sich ein automatisiertes Auto mit einem herkömmlichen? Können digitale Angebote das Leben auf dem Land schöner machen? Und wie verändert digitale Mobilität das Leben in den Städten?

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Wachsende Städte, der Klimawandel, sich ändernde Lebens- und Arbeitsformen und neue Technologien beeinflussen unsere Mobilität. Der motorisierte Individualverkehr, der derzeit noch alles dominiert, überfordert die Infrastruktur, insbesondere in der Stadt und macht sich als Stau und Parkplatznot bemerkbar. Hohe Feinstaubbelastung und CO2-Emissionen überfordern zudem Gesundheit und Umwelt. Gefragt sind neue Mobilitätskonzepte, die den drohenden Verkehrskollaps verhindern und zudem nachhaltiger sind.

Mobilitätsforscher erhoffen sich durch die Digitalisierung eine Verkehrswende. Sie wollen dadurch verschiedene Verkehrssysteme intelligent miteinander vernetzen. So sollen Smartphone-Apps künftig für Reisende aus Bus, Bahn, Auto und Fahrrad eine optimale Mobilitätskette errechnen, die sie von A nach B bringt - ohne Stau, ohne Anschlusslöcher, ohne Tarifdschungel.

Zusätzlich arbeiten Wissenschaftler daran, den Individualverkehr zu automatisieren: Autos sollen selbst fahren, damit Reisende die Zeit im Auto für andere Tätigkeiten nutzen können, beispielsweise um zu arbeiten oder zu lesen. Auch autonome Busse sind denkbar, die per App bestellt werden können und ihre Fahrgäste einsammeln - auf der für alle optimalen Route. Vernetzt man die Autos und Busse zudem, kann man künftig darüber auch Staus vermeiden. Und wenn doch mal Stau ist, steigt man spontan in den nächsten Zug - eine App mit aktuellen Infos aller Verkehrsträger kennt den besten Weg.

Diese Entwicklung könnte unser Verhältnis zum eigenen Auto grundlegend ändern. Wenn man jederzeit Zugriff auf automatisiertes Carsharing hat, benötigt man womöglich gar kein eigenes Auto mehr. Jedenfalls im Ballungsraum Stadt. Anders aber stellt sich die Situation auf dem Land dar, wo der öffentliche Verkehr noch große Lücken aufweist und man noch kaum auf das eigene Auto verzichten kann.

Der Verkehr der Zukunft wirft zudem viele Fragen auf: Wie versteht sich ein automatisiertes Auto mit einem herkömmlichen? Wie kompliziert wird Mobilität durch die Digitalisierung - werden ältere Menschen ausgeschlossen? Wie sicher sind vernetzte, autonome Autos gegenüber Hackerangriffen? Und wie gläsern werden Bürger, wenn man jede ihrer Bewegungen in einem digitalisierten Verkehrsnetz künftig erfassen kann?

Referenten

Prof. Dr. Frank Köster
Prof. Dr. Frank Köster
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt


Sein Statement:
"Automatisiertes und vernetztes Fahren wird zum Kernelement unserer Mobilität von morgen werden."

Prof. Dr. Thomas Siefer
Prof. Dr. Thomas Siefer
Technische Universität Braunschweig


Sein Statement:
"Der Zuzug in die Städte erfordert für die Städte Konzepte mit immer weniger individueller Mobilität, nur so können die Städte lebenswert bleiben."

Prof. Dr. Jorge Marx Gómez
Prof. Dr. Jorge Marx Gómez
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Antibiotika Unterwegs auf Reserve

18. Mai 2017
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Als Antibiotika vor 100 Jahren entdeckt wurden, verloren Krankheiten wie Tuberkulose, Cholera und Syphilis auf einen Schlag ihren Schrecken. Doch unsere Waffe wird stumpf, weil Bakterien resistent werden.

In Krankenhäusern tauchen immer häufiger Keime auf, denen man nicht einmal mehr mit Reserveantibiotika beikommen kann. Es ist ein globales Problem, denn resistente Erreger kümmern sich nicht um Grenzen.Die Ursachen sind vielfältig: Antibiotika werden häufig unnötig eingenommen, in vielen Ländern sind sie zudem freiverkäuflich.

Ihr Einsatz in der Tiermast produziert resistente Erreger, die über das Fleisch auf uns übergehen. Müssen wir nun die alten Krankheiten wieder fürchten? Oder können wir das Problem lösen? Wie bündelt man Maßnahmen - auch auf globaler Ebene?

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Antibiotika waren eine der größten Erfindungen des letzten Jahrhunderts, sie nahmen bakteriellen Infektionskrankheiten wie Cholera, Tuberkulose, Syphillis den Schrecken. Aber die Evolution schläft nicht, die Bakterien haben nachgerüstet und Resistenzen gegen auch die stärksten Antibiotika entwickelt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Einer der Hauptgründe ist der häufig noch zu leichtfertige und oft auch falsche Einsatz von Antibiotika. Ärzte verschreiben diese Präparate immer noch zu häufig und viele Patienten wissen immer noch nicht, dass Antibiotika nur gegen Bakterien und nicht gegen Viren wirken. Auch der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast produziert zusätzlich resistente Keime.

Die alten Waffen werden zunehmend stumpf und es kommen zuwenig neue hinzu. Der Grund: Für die Pharmakonzerne ist es nicht lukrativ genug, neue Antibiotika zu entwickeln. Ein neuer Wirkstoff wird häufig als Reserve zurückgestellt und spielt für den Konzern kaum Geld ein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte daher bereits vor einem "post-antibiotischen Zeitalter": Im 21. Jahrhundert könnten "verbreitete Infekte und harmlose Verletzungen wieder tödlich sein".

Vor allem in Krankenhäusern machen sich resistente Keime bemerkbar. Ohnehin schon geschwächte Patienten können sich dort mit multiresistenten Erregern wie MRSA und ESBL infizieren, was tödlich enden kann. Genaue Zahlen hat niemand, weil es schwierig ist zu belegen, ob ein resistenter Erreger die Todesursache war oder nur eine Begleiterscheinung - aber die Bundesregierung spricht von rund 15.000 von multiresistenten Erregern verursachten Todesfällen pro Jahr in Deutschland. Sie hat einen Zehn-Punkte-Plan entwickelt, um das Problem einzudämmen. Zentral ist dabei die Einhaltung strengerer Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern und einer besseren Überwachung der Antibiotika-Verordnungen und ihres Einsatzes in der Tiermast. Viele Maßnahmen sind erforderlich, um das Problem in den Griff zu kriegen - nicht nur auf nationaler Ebene, denn resistente Erreger kümmern sich nicht um Grenzen. Besonders dramatisch ist die Lage in Schwellenländern. Mit unseren Gästen diskutieren wir das Problem in all seinen Facetten: Chefarzt Wilfried Bautsch berichtet von der Lage in der Klinik. Die Tierärztin Kristina Kadlec vom Friedrich-Löffler Institut erläutert, warum Antibiotika in der Tiermast problematisch sind. Mark Brönstrup vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entwickelt neue Wirkstoffe und berichtet, warum es so lange dauert, bis wir neue Antibiotika haben. Und der Gesundheitspolitiker Christos Pantazis erklärt, was die Politik gegen die sich ausbreitenden Resistenzen tun kann. Kommen Sie ins Haus der Wissenschaft und diskutieren Sie mit!

Referenten

Prof. Dr. Mark Brönstrup
Prof. Dr. Mark Brönstrup
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung


Sein Statement:
„Die Erforschung und Entwicklung ganz neuer Antibiotika muss dringend intensiviert werden, um der Resistenzproblematik effektiv begegnen zu können.“

Dr. Christos Pantazis
Dr. Christos Pantazis
Mitglied des Niedersächsischen Landtags


Sein Statement:
"Die Entstehung und Verbreitung resistenter Bakterienstämme ist eine Gefahr sowohl für den Einzelnen als auch für die öffentliche Gesundheit und kann zu erheblichen Belastungen für das Gesundheitssystem führen."

Prof. Dr. Dr. Wilfried Bautsch
Prof. Dr. Dr. Wilfried Bautsch
Städtisches Klinikum Braunschweig


Sein Statement:
„Antibiotika sind lebensrettend, aber man muss sie gezielt einsetzen, weil sie sonst ihre Wirkung verlieren.“

Kristina Kadlec, PhD
Kristina Kadlec, PhD
Friedrich-Loeffler-Institut


Ihr Statement:
„Wer bei Antibiotikaresistenz als erstes an die Tiermast denkt, sucht nicht nach Lösungen, sondern nach Schuld.“

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Fake News Eine Gefahr für die Demokratie?

27. April 2017
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Dieses Jahr stehen Bundestagswahlen an und viele haben ein ungutes Gefühl dabei. Denn noch nie war es so leicht, Menschen mit gezielten Unwahrheiten zu beeinflussen wie heute. Fake News verbreiten sich über Social-Media-Kanäle wie Twitter und Facebook rasant.

Neu ist, dass dies selbst von hochrangigen Politikern wie US-Präsident Donald Trump mittlerweile ganz offen praktiziert wird. Dazu kommen Computerprogramme, die auf diesen Kanälen wie menschliche NutzerInnen agieren und die öffentliche Meinung beeinflussen, sogenannte Social Bots.

Worauf sollen wir unsere Meinung stützen, worauf vertrauen? Wie gehen die klassischen Medien damit um? Und wie gefährlich sind diese Entwicklungen für unsere Demokratie?

Kommen Sie ins Haus der Wissenschaft und reden Sie mit.

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Dieses Jahr stehen in Frankreich und in Deutschland Wahlen an – ausgerechnet zu einer Zeit, wo es noch nie so leicht war, Menschen mit gezielten Unwahrheiten zu beeinflussen. Propaganda und Fake News verbreiten sich über Social-Media-Kanäle wie Twitter und Facebook rasant, oftmals werden sie gar nicht mehr von echten Menschen in die Welt gesetzt, sondern von sogenannten Social Bots, Computerprogrammen, die in sozialen Netzwerken vorgeben, reale Nutzer zu sein und auf diesen Kanälen Meinung im Sinne ihrer Erschaffer beeinflussen sollen.

Besonders deutlich wurde das bei der Brexit-Diskussion und dem letzten US-Wahlkampf, wo Social Bots bereits zum Einsatz kamen. So ermittelten Forscher, dass nur rund 60 Prozent der Follower von Donald Trump und Hillary Clinton echte Menschen waren – der Rest waren Computerprogramme. Ihr Ziel: Den politischen Gegner diskreditieren, Masse erzeugen, um eine Meinung zu verstärken, Statistiken verdrehen, Stimmungen erzeugen, Menschen verunsichern – oft mithilfe von Lügen und kompromittierendem Material aus Cyberangriffen.

Die Unterschiede zwischen den Bots sind sehr groß. Im einfachsten Fall beschränkt sich das selbständige Handeln dieser Roboter darauf, vorgefertigte Nachrichten zu versenden. Komplexere Bots sind aber auch in der Lage, mit echten Nutzern zu interagieren und eigenständig neue Texte zu generieren. Da die normale Kommunikation in den sozialen Netzwerken in der Regel nicht besonders komplex ist, fallen aber auch die primitiven Bots häufig nicht auf.

Es existiert bereits eine regelrechte Schattenwirtschaft. Man kann Bots auf dunklen Kanälen kaufen, die auf Twitter und Facebook und in den Kommentarspalten von Online-Medien automatisch Texte verbreiten. Über einfache Schnittstellen kann man so viele Bots auf einmal steuern und sie leicht mit Textbausteinen versorgen, die verbreitet werden sollen.

Eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland ist davon überzeugt, dass von Social Bots und Fake News eine reale Gefahr ausgeht. Bei einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov stimmten 44 Prozent der Aussage „voll und ganz“ und 40 Prozent „eher“ zu, dass Fake News die Wahlen beeinflussen können. Nur 9 Prozent waren der Meinung, dass Fake News „eher nicht“, oder „ganz und gar nicht“ (2 Prozent) Einfluss haben auf die Bundestagswahlen. Dass Populisten aufgrund von Fake News an Zustimmung gewinnen, glauben 40 Prozent „voll und ganz“, 37 Prozent „eher“ (10 Prozent „eher nicht“, 4 Prozent „ganz und gar nicht“).

Inwieweit und ob überhaupt Social Bots tatsächlich Auswirkungen auf die öffentliche Meinung haben, darüber gibt es noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das Büro für Technikfolgenabschätzung ist eine wissenschaftliche Einrichtung zur Beratung des Bundestags. Es lässt seit Oktober 2016 die gesellschaftliche und politische Relevanz von Social Bots untersuchen.

Medienforscher vermuten, dass der Einfluss von Bots eher indirekt sein könnte, indem sie Journalisten und Politikern Meinungstrends vorgaukeln, die diese wiederum in ihrer Berichterstattung oder ihrer Politik beeinflussen. Aber sie können laut Medienforschern vermutlich die Gesellschaft polarisieren, Spannungen verstärken und Risse zwischen gesellschaftlichen Gruppen verstärken.

Ansgar Kellner ist Informatiker am Institut für Systemsicherheit der TU Braunschweig. Er beschäftigt sich mit der Erkennung von Social Bots und ist an einem BMBF-geförderten Projekt namens „Propstop“ beteiligt. Das Ziel: Social Bots erkennen und ausschalten. „Viele Bots verraten sich durch bestimmte Merkmale “, sagt Kellner. Programme, die ununterbrochen, auch nachts, Meldungen senden, seien simpel zu erkennen. „Manche aber simulieren Nacht-Wach-Zyklen, um so realistischer zu wirken.“ Er hofft, am Ende einmal ein System zu haben, das letztlich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angeben kann, ob es sich um einen Bot handelt oder nicht. Dieses System könnte Moderatoren von Diskussionsforen dabei unterstützen, Propaganda-Bots herauszufischen und zu sperren.

Das Problem: Social Bots sind nicht verboten, es gibt keinerlei Regulierung durch den Gesetzgeber. Immerhin haben die deutschen Parteien verkündet, im Wahlkampf keine Propaganda-Roboter einsetzen zu wollen, um mit Fake News Verwirrung zu stiften. Doch das bleibt freiwillig. Die Grünen haben eine Anmeldepflicht für Social Bots gefordert. Die Unionsfraktion brachte eine Kennzeichnungspflicht ins Spiel. 

Nach Meinung von Harald Rau braucht es jedoch keine „Fake-News-Polizei“. „Was wir  brauchen ist mehr Medienkompetenz und selbstbewusstere Medien“, sagt Rau.

Erschwert wird die Debatte dadurch, dass selbst hochrangige Politiker wie US-Präsident Donald Trump Falschmeldungen verbreiten und ihrerseits die Medien als Verbreiter von Fake News bezichtigen. Dies erzeugt zusätzlich ein Klima der Unsicherheit.

Worauf kann der Bürger noch vertrauen, worauf soll er seine Meinung stützen? Wie gehen die klassischen Medien damit um? Und wie gefährlich sind diese Entwicklungen für unsere Demokratie? Kommen Sie zu unserer Veranstaltung und diskutieren Sie mit uns über diese Fragen.

Referenten

Prof. Dr. Monika Taddicken
Prof. Dr. Monika Taddicken
Institut für Sozialwissenschaften, TU Braunschweig


Ihr Statement:
„Welchen Einfluss die sog. Fake News tatsächlich auf die öffentliche Meinung insgesamt haben, ist noch unzureichend erforscht. Und weiterhin wissen wir auch nicht, welche Wirkung Maßnahmen im Kampf gegen diese Fake News entfalten werden bzw. würden.“

Prof. Dr. Harald Rau
Prof. Dr. Harald Rau
Institut für Medienmanagement, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Salzgitter


Sein Statement:
"Brauchen wir eine Fake-News-Polizei? Nein. Wir brauchen mehr Medienkompetenz."

Dr. Ansgar Kellner
Dr. Ansgar Kellner
Institut für Systemsicherheit, TU Braunschweig


Sein Statement:
"Medienkompetenz ist der Schlüssel zum Schutz der modernen Demokratie. Das Erkennen von Social Bots und Fake News ist ein elementarer Teil davon."

www.propstop.de

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Erdöl adieu Alles grün, alles gut?

23. März 2017
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Was vielen nicht bewusst ist: Mit Erdöl heizen und fahren wir nicht nur. Es steckt in irgendeiner Form in fast allen Alltagsprodukten. Ob Tupperdose oder Tablette, Staubsauger oder Schnuller, Kleidung oder Kondom - Erdöl ist einer unserer am häufigsten verwendeten Rohstoffe.

Doch er ist endlich - und außerdem schlecht für das Klima. Die Bundesregierung will daher, dass die deutsche Wirtschaft darauf reagiert: Weg vom Öl, hin zu erneuerbaren Rohstoffen. Bioökonomie lautet die Formel. Eine enorme Herausforderung. Können wir künftig all diese Produkte, an die wir uns gewöhnt haben, aus Pflanzen, Bakterien und organischem Abfall herstellen? Kommen Sie ins Haus der Wissenschaft und reden Sie mit.

Wollen Sie mehr erfahren? Dann lesen Sie hier unsere ausführliche Version!

Der Siegeszug des Erdöls begann vor etwa 150 Jahren – zunächst löste es in Form von Petroleum das Walöl als Brennstoff für Lampen ab. Und sehr schnell wurde es der Treibstoff der jungen, boomenden Automobilindustrie – das ist bis heute seine Hauptrolle. Aber wir verfeuern Erdöl nicht nur, es ist auch einer der wichtigsten Rohstoffe der Industrie. Ein Großteil der Produkte des modernen Lebens basieren auf dem Schwarzen Gold: Kunststoff, Textilien, Medikamente, Bau- und Dämmstoffe, Verpackungen, Putzmittel, Kosmetika. Erdöl aber ist eine endliche Ressource – und eine, die den Klimawandel befördert. Daher müssen wir Alternativen finden.

Die Wirtschaft soll sich erneuern, soll weg von fossilen, hin zu erneuerbaren Rohstoffen – so der Wille der Bundesregierung. Künftig könnten beispielsweise die Autoreifen aus Löwenzahn-Gummi hergestellt werden, der Kunststoff aus Kaffeesatz, und Essensbestandteile aus Algen. Nur drei Beispiele für das Ziel, künftig alle Produkte des modernen Lebens nach und nach aus Pflanzen, Mikroorganismen und Algen zu erzeugen. Außerdem soll dadurch auch die weltweite Ernährung langfristig gesichert werden und das Ungleichgewicht zwischen ressourcenreichen und –armen Ländern beendet werden.

Jörg Overmann, Geschäftsführer der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen, sieht vor allem im Einsatz von Bakterien enormes Potenzial: „Bakterien bieten eine enorme Artenvielfalt, die wir zum größten Teil noch gar nicht kennen.“ Die entdeckten wie noch unentdeckten Einzeller stellen einen genetischen Schatz für die Biotechnologie dar, der neuartige Fertigungsprozesse möglich machen wird.

Die Umstellung auf nachwachsende Rohstoffe ist eine gewaltige Aufgabe, bei der auch Fehler passieren können. Im Bereich Energie hat in der jüngeren Vergangenheit ein Zuviel an politischer Förderung dazu geführt, dass Bauern vermehrt Mais zur Biogas-Erzeugung angebaut haben. Dadurch kam es zur Konkurrenz von Nahrungs- und Energieerzeugung. Den richtigen Weg zu finden, ist schwierig, wie Folkhard Isermeyer, Chef des Thünen-Instituts betont. Um ihn zu finden, hat das Bundesforschungsministerium 2009 den sogenannten Bioökonomierat eingesetzt, ein Expertengremium aus Wissenschaftlern, Biotechnologen und Ökonomen. Der Rat soll Strategien für die Umstellung der Wirtschaft entwickeln und seine Erkenntnisse auch für die Öffentlichkeit aufbereitet.

Die Politik muss dann die Weichen stellen, fordert Martina Kolarek, Referentin für Bioökonomie beim Naturschutzbund. Das tut sie vor allem durch Forschungsförderung und direkte Förderung gewünschter Prozesse und Produkte. Kolarek, die sich schon lange mit dem Thema beschäftigt, bezweifelt jedoch, dass eine Umstellung der derzeitigen Wirtschaft auf natürliche Rohstoffe eins zu eins gelingen kann. „Letztlich kommen dann die Rohstoffe aus dem Boden. Bei dem derzeitigen Ressourcenbedarf werden wir wieder Nutzungskonflikte haben und wir laufen Gefahr, die Böden zu überfordern“, sagt Kolarek. Und am Ende muss diese biobasierte Wirtschaft auch konkurrenzfähig sein – und zwar in einer globalisierten Welt.

„Es nützt nichts, Strafsteuern auf fossile Rohstoffe zu erheben“, sagt Folkhard Isermeyer. Damit würde man nur energieintensive Industrien aus dem Land drängen, die diese Produkte im Ausland produzieren und „wir würden sie wieder importieren“, so Isermeyer. „Wir brauchen daher ein international abgestimmtes und leicht kontrollierbares Vorgehen.“

Der Abschied vom Erdöl ist eine gewaltige Aufgabe, die auch die Mithilfe jedes Einzelnen erfordert. Denn es ist fraglich, ob wir einfach so weiter machen können, wie bisher, glaubt Martina Kolarek.

Im Haus der Wissenschaft haben Sie die Möglichkeit mit den Experten darüber zu diskutieren.

Referenten

Prof. Dr. Folkhard Isermeyer
Prof. Dr. Folkhard Isermeyer
Thünen Institut, Mitglied im Bioökonomierat


Sein Statement:
"Solange unsere Wirtschaft auf fossilen Ressourcen basiert, ist sie nicht nachhaltig. Der Umbau zu einer biobasierten Wirtschaft führt allerdings nicht automatisch zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem, sondern nur, wenn dieser Umbauprozess politisch klug gesteuert wird."

Martina Kolarek
Martina Kolarek
NABU – Naturschutzbund Deutschland e. V.


Ihr Statement: "Es ist nicht möglich, alle erdölbasierten durch biobasierte Rohstoffe zu  ersetzen. Biologische Ressourcen stehen uns weder räumlich noch zeitlich unbegrenzt zur Verfügung. Sie sind in erster Linie Lebensraum und Nahrungsquelle für Pflanzen, Tiere und Menschen"

Prof. Dr. Jörg Overmann
Prof. Dr. Jörg Overmann
Leibniz-Institut DSMZ, Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen


Sein Statement:
"Das Potenzial von Mikroorganismen ist noch längst nicht ausgeschöpft in Bezug auf neue Aktivitäten und hochwertige Produkte"

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Intelligente Messsysteme Fluch oder Segen?

17. November 2016
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  • ausführliche Information

Klassische Stromzähler haben mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende bald ausgedient. Ab 2017 sollen schrittweise digitale Stromzähler über den Stromverbrauch Buch führen. Diese sogenannten Smart Meter werden zunächst für GroßkundInnen Pflicht, ab 2020 sollen dann auch private Haushalte sie einbauen. Vorbei sind dann die Zeiten, in denen einmal im Jahr die Zählerstände abgelesen werden müssen. Die Smart Meter leiten die Verbrauchswerte über das Internet direkt an die Energiekonzerne.
Die intelligenten Messsysteme haben Vorteile. Man kann seinen Stromverbrauch jederzeit sehr leicht erfassen und optimieren. Aber die neue Technologie weckt auch die Angst vor dem "gläsernen Zuhause". Wer hat Zugriff auf die Daten? Wie werden sie geschützt? Bei dem Themenabend "Intelligente Messsysteme - Fluch oder Segen?" diskutieren wir mit vier Experten aus Messwesen, Industrie und Verbraucherschutz die verschiedenen Facetten der Smart Meter.

Referenten

  • Dr. Helmut Többen
    Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Fachbereichsleiter "Gase"
    Sein Statement: Intelligente Messsysteme erfassen, verarbeiten und transferieren abrechnungsrelevante Messwerte. Die Richtigkeit der Messwerte und die Nachvollziehbarkeit der Abrechnung werden durch die Anwendung des Eichrechts sichergestellt.

  • Ingo Schönberg
    Vorstandsvorsitzender der Power Plus Communications AG
    Sein Statement: Digitalisierung und Energiewende werden mit dem Smart Meter verheiratet. Ohne Digitalisierung keine erfolgreiche Energiewende.

  • Prof. Dr.-Ing. Bernd Engel
    Technische Universität Braunschweig, Institut für Hochspannungstechnik und Elektrische Energieanlagen

  • Dr. Thomas Engelke
    Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv)
    Sein Statement: Smart Meter dürfen nicht mehr kosten als sie auch Strom einsparen.

 

 

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CO2 einsparen bedeutet, weniger fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung benutzen. Aber Sonne und Wind lassen sich nicht so steuern wie ein Kohlekraftwerk. Wenn Deutschland einmal vollständig mit Strom aus Sonnen- und Windkraft versorgt werden soll, muss man den Strombedarf genau kennen, um ihn flexibel erzeugen zu können. Dafür braucht man "intelligente Stromnetze", Smart Grids, deren Einführung die EU bereits vor einigen Jahren beschlossen hat. Doch intelligente Netze brauchen "intelligente Stromzähler" (Smart Meter). Sie messen permanent den Stromverbrauch eines Haushalts und melden an den Energieversorger zurück.
Auch Deutschland setzt den EU-Beschluss nun um und beginnt 2017 schrittweise mit der Einführung von Smart Metern. Als erste sollen Großverbraucher mit einem Jahresverbrauch von mehr als 10.000 Kilowattstunden Smart Meter einbauen, ebenso Bürger mit einer Photovoltaik-Anlage. Ab 2020 werden Smart Meter dann auch für private Haushalte verpflichtend, zunächst auch nur für große Haushalte mit einem Jahresverbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden (entspricht einer monatlichen Stromrechnung von 145 Euro). Nach und nach sollen dann alle Haushalte die Smart Meter einbauen.
Nicht nur das Klima soll davon profitieren, sondern auch der einzelne Verbraucher - so jedenfalls das Versprechen der Befürworter der Geräte. Smart Meter sollen mehr Transparenz über den eigenen Verbrauch schaffen, Kunden können sehr bequem per App ihren Verbrauch jederzeit im Blick behalten. Auch flexible und auf den persönlichen Verbrauch abgestimmte Stromtarife sollen so möglich werden - und womöglich günstiger sein als die bisherigen. Weiterer Effekt der intelligenten Stromzähler: Sie können zur Steuerungszentrale des intelligenten Hauses werden, Waschmaschine und Heizung ließen sich zeit- und fernsteuern.
Aber erst einmal kosten die Smart Meter. Zwar hat der Gesetzgeber die Betriebskosten der Smart Meter auf maximal 100 Euro pro Privathaushalt gedeckelt. Das aber allein bedeutet schon eine Steigerung zu herkömmlichen Stromzählern, die nur 30 Euro im Betrieb kosten. Und fraglich ist, ob ihre Einsparpotenziale die Kosten der Geräte aufwiegen. Kritiker bezweifeln das.
Kritiker sorgen sich zudem um den Datenschutz. Zwar hat das BSI hohe Anforderungen an die Geräte gestellt, was Datenschutz und -Sicherheit angeht. Trotzdem gibt es Sorgen ind er Bevölkerung durch diese Geräte zum gläsernen Bürger zu werden. Aus den Verbrauchsprofilen lassen sich nämlich Verhaltensprofile ablesen, ob jemand zuhause ist oder nicht, wann und wie oft er welche Geräte benutzt. Zudem garantiert die Datenverschlüsselung nur die sichere Übertragung der Daten vom Smart Meter zum Energieversorger. Wünscht der Kunde aber, dass seine Daten für eine App-Steuerung aufbereitet werden, landen sie im normalen Internet. An dem Themenabend "Intelligente Messsysteme - Fluch oder Segen?" diskutieren wir mit Experten aus dem Messwesen, der Industrie und dem Verbraucherschutz über das Für und Wider von Smart Metern.

Gesundheitsstudien Was habe ich davon?

20. Oktober 2016
  • Kurzinformation
  • ausführliche Information

"Gemeinsam forschen für eine gesündere Zukunft" - mit diesem Slogan wirbt die NAKO-Gesundheitsstudie. Sie ist mit 200.000 anvisierten Teilnehmenden die bislang größte deutsche Langzeitstudie. Was macht uns krank? Was hält uns gesund? Diese zentralen Fragen will die öffentlich finanzierte Studie beantworten. Die zufällig ausgewählten Personen werden über einen Zeitraum von etwa 20 Jahrenin regelmäßigen Abständen medizinisch untersucht und nach ihren Lebensumständen befragt. Dabei sind klassische Risikofaktoren wie körperliche Aktivität, Ernährung oder Tabakkonsum von Interesse. Aber auch soziale, berufsbezogene, geografische und umweltbedingte Faktoren werden erfasst. Die ForscherInnen wollen zu einem besseren Verständnis über die Ursachen von Volkskrankheiten wie Diabetes oder Krebs beitragen. Die Erkenntnisse aus der NAKOStudie könnten die Vorbeugung, Früherkennung und Behandlungsolcher Erkrankungen künftig verbessern. Das besagt zumindest die Theorie.
Aber was bedeutet es wirklich, Teil dieser Studie zu sein? Was genau wird untersucht? Welchen Nutzen bringen Gesundheitsstudien überhaupt - und vor allem wann? Könnten mir oder meinen Kindern daraus auch Nachteile entstehen? Darüber wollen wir gemeinsam mit Ihnen und unseren Expertinnen und Experten diskutieren.

Referenten

  • Dr. Silja Samerski
    Universität Bremen
    Ihr Statement:
    "In einer Medizin, in der Statistiken das Handeln bestimmen, verschwinden leibhaftige Menschen hinter gesichtslosen Datenprofilen. Krank sind aber ganze Menschen, und nicht ihre Daten"

  • Prof. Gérard Krause
    Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
    Sein Statement:
    "Ich gehe davon aus, dass wir im Rahmen der Nako unerwartete und neue Zusammenhänge zwischen Infektionskrankheiten und chronischen Krankheiten finden"

  • Dr. Christos Pantazis
    Mitglied des Niedersächsischen Landtags

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Früher rafften Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Cholera die Menschen dahin. Mit besserer Hygiene und Antibiotika konnte man den Schrecken dieser Krankheiten beenden. Die Volkskrankheiten unserer Zeit heißen: Bluthochdruck, Arteriosklerose, Krebs, Diabetes, Demenz, Depression.
Wieder arbeitet die Medizin daran, auch sie zu heilen. Doch anders als bei Infektionskrankheiten wie Cholera und Tuberkulose ist nicht ein einziger Grund die Ursache, sondern viele verschiedene Faktoren tragen zur Entstehung dieser Krankheiten bei. Es ist schwierig herauszufinden, welche das sind. Wie viel Anteil haben die Gene? Wie viel die Lebensweise? Und, die wichtigste Frage: Könnte man vielleicht verhindern, dass sie überhaupt erst entstehen?
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, startete vor zwei Jahren eine der größten Bevölkerungsstudien Deutschlands, die Nationale Kohorte, kurz Nako.
200.000 Freiwillige im Alter von 20 bis 69 Jahren sollen alle vier Jahre medizinisch eingehend untersucht werden - über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Dabei geben die Teilnehmer auch Blut-, Urin-, Speichel- und Stuhlproben ab, die untersucht und eingelagert werden. Alle zwei bis drei Jahre sollen die Studienteilnehmenden auch Fragebogen ausfüllen, in dem sie über ihren Lebensstil Auskunft geben. So entsteht über die Jahre eine Fülle an Daten, von denen sich die Forscher erhoffen, endlich neue Erkenntnisse über die Gründe der Entstehung der komplexen Volkskrankheiten zu gewinnen - und so auch vor allem ihre Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung zu verbessern.
Mit den Daten wird sorgsam umgegangen, sagt Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und Leiter der Abteilung Epidemiologie der Nako-Studie. "Die Gesundheitsdaten der Teilnehmer und die abgegebenen Proben werden anonymisiert und die Informationen verschlüsselt."
Mitmachen kann prinzipiell jeder, die Probanden werden vom regionalen Einwohnermeldeamt per Zufall ausgewählt und mit der Bitte um Teilnahme angeschrieben. Die Nako-Studie ist teuer, die Kosten in Höhe von 210 Millionen Euro alleine für die ersten zehn Jahre tragen das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Helmholtz-Gesellschaft und die Länder.
Christos Pantazis, Neurologe und Mitglied des niedersächsischen Landtags für die SPD, befürwortet die Studie: "Mit einer so großen Anzahl an Teilnehmern, bin ich überzeugt, dass man am Ende valide Daten bekommen wird - zum Wohle der besseren Gesundheit der Gesellschaft." Pantazis erhofft sich auch Erkenntnisgewinne für die Politik: "Die Ergebnisse der Studie können auch Politikern Hinweise geben, manche Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf Gesundheitsmaßnahmen künftig stärker zu berücksichtigen."
Doch es gibt auch Kritik an der Nako-Studie. "Solche Studien ergeben am Ende immer nur statistische Häufigkeiten und Risiko-Wahrscheinlichkeiten", sagt Silja Samerski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen. "Statistische Häufigkeiten sagen aber nichts über den individuellen Patienten und sein Schicksal aus. Der gerät bei solch einem statistischen Ansatz aus dem Blick."
Bei komplexen Krankheiten mit vielen Risikofaktoren ergeben sich am Ende immer einzelne Wahrscheinlichkeiten. Kürzlich sorgte die Weltgesundheitsorganisation WHO für Schlagzeilen mit der Aussage, dass der Konsum von rotem Fleisch krebserregend sei. Die Experten bezifferten das Risiko derart: Der Konsum von 100 Gramm täglich würde einen Anstieg des Darmkrebsrisikos um 17 Prozent bedeuten. "Die Frage ist, wie Patienten mit Risikoaussagen umgehen und ob diese nicht nur zu mehr Verunsicherung beitragen", sagt Samerski.

Zwischen Ökologie und Ökonomie Stimmt die Bewirtschaftung unserer Wälder?

1. September 2016
  • Kurzinformation
  • ausführliche Information

"Der Wald steht schwarz und schweiget" heißt es in einem über 200 Jahre alten Gedicht von Matthias Claudius. Doch das Bild der Romantiker täuscht darüber hinweg, dass es den "natürlichen" Wald so nicht mehr gibt und eines der liebsten Stücke Natur auch früher schon genutzt und teils kräftig übernutzt wurde. Aus diesem Grund entstand schon vor 300 Jahren das Prinzip der nachhaltigen Bewirtschaftung.
Heute steht der Wald im Spannungsfeld vieler unterschiedlicher Interessen: Er ist Holzlieferant, Lebensraum, Wasserwerk, Erholungsgebiet und nicht zuletzt wichtiger Akteur im Klimageschehen. Wie viel von ihm sollte als "Naturwald" ungenutzt bleiben? Wie kann er dem Klimawandel trotzen? Und welcher Wald ist wirtschaftlich? Je nach Blickwinkel fallen die Antworten unterschiedlich aus: In vielen Regionen sind Mischwälder mit hohem Buchenanteil ökologisch vorteilhaft, die Bauindustrie aber will vor allem Nadelholz. Wie soll der Wald der Zukunft aussehen? Und wie können wir den Spagat zwischen Ökonomie und Ökologie schaffen?

Referenten

  • Prof. Dr. Matthias Dieter
    Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie, Hamburg

    Sein Statement: Die gesellschaftlichen Vorzüge nachhaltiger Waldbewirtschaftung sind vielfältig. Der hohe Standard in Deutschland im globalen Vergleich macht gerade die Holzproduktion hier erstrebenswert.

  • Christiane Lorenz-Laubner
    Niedersächsisches Forstamt Lauterberg

    Ihr Statement: Der Wald soll allen nutzen. Denen, die ihn besuchen, denen, die ihn besitzen und denen, die von den Waldprodukten leben. Für diesen Dreiklang stehe ich.

  • Prof. Dr. Andreas Bolte
    Thünen-Institut für Waldökosysteme, Eberswalde

    Sein Statement: Es ist wichtig, Waldschutz und -Nutzung zu Fläche vereinen. Ich bin für viel Naturnähe, aber man sollte sich nicht in ein Korsett zwingen. Durch den Klimawandel können sich die Bedingungen schnell ändern, eine große Artenvielfalt ist die beste Versicherung.

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Der Wald ist für die Deutschen nicht nur eines der liebsten Stücke Natur, er ist auch ein Stück Identität. Die Erwartungen an ihn sind hoch und sehr unterschiedlich: Der Wald soll den Menschen einerseits als Ort der Erholung dienen. Andererseits soll er ein zu schützendes Ökosystem sein, das Heimat für viele Tiere und Pflanzen ist und unsere Luft und unser Wasser sauber hält. Und dann ist er auch noch ein Wirtschaftsfaktor, Holz ist eine begehrte Ressource, an der Holzwirtschaft hängen rund eine Million Arbeitsplätze.

All diesen Erwartungen gerecht zu werden, das passt bei vielen nicht in die romantische Vorstellung des natürlichen, unberührten Waldes. Der Wald ändert sich ständig und er muss gepflegt und verjüngt werden, wenn man Holz als Ressource nutzen will. Dass das ausgewogen passiert, das ist Christiane Lorenz-Laubners Aufgabe, sie ist Försterin am niedersächsischen Forstamt Lauterberg. Allerdings beobachtet sie eine auffallende Diskrepanz in der Erwartungshaltung an den Wald: "Auf der einen Seite haben viele Leute den starken Wunsch nach einem ökologischen Leben und wollen Holz als Baustoff nutzen. Auf der anderen Seite aber sehen es Leute oft ungerne, wenn im Wald Bäume gefällt werden."

Dabei ist eine Waldnutzung, wenn sie nachhaltig geschieht, verträglich. Hier hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, meint Professor Matthias Dieter, Leiter des Thünen-Instituts für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie in Hamburg. "Früher wurde der Wald ausgenutzt." Seit den Zeiten der alten Germanen sind Deutschlands Bewohner teilweise recht radikal mit dem Wald umgegangen, wobei sich die Nutzung über die Jahrhunderte geändert hat: "Früher war Holz vorwiegend Brennstoff. Und Waldlichtungen wurden als Viehweide genutzt, damit die Tiere die Waldfrüchte essen konnten", sagt Professor Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde. Insbesondere seit dem Mittelalter wurde Kahlschlag ausgeübt, viele Waldflächen verschwanden.

Die Industrialisierung tat dann ihr Übriges. "Noch mehr Holz wurde als Brennstoff genutzt, bis man letztlich auf Kohle umschwenkte", sagt Dieter. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Waldfläche Deutschlands auf einem Tiefstand angelangt. Kahle wüste Flächen prägten die Landschaft. Schon zuvor, Anfang des 18. Jahrhunderts, begann langsam ein Umdenken, die Idee der nachhaltigen Nutzung des Waldes entstand. Nach und nach erholten sich die Wälder wieder, die Waldflächen nahmen zu, der Zweite Weltkrieg war hierbei allerdings ein erneuter Rückschritt.

Das ändert sich aber seit Jahrzehnten. "Seit den 80er des 20. Jahrhunderts ist die Waldnutzung zunehmend nachhaltiger geworden", sagt Bolte. Vorbei sind die Zeiten des sauren Regens und des Waldsterbens, strengere Umweltauflagen an die Industrie haben sich bewährt. Das Resultat kann man messen: Laut der letzten Bundeswaldinventur aus dem Jahr 2012 ist Deutschland zu einem Drittel bewaldet, das Durchschnittsalter der Bäume ist um 4,5 Jahre im Vergleich zur letzten Inventur aus dem Jahr 2002 auf 77 Jahre gestiegen, die Bäume werden immer dicker und der Anteil der Laubbäume nimmt zu.

Damit ist das Verhältnis von Laubbäumen zu Nadelbäumen in Deutschland bei etwa 50:50 angelangt, sagt Matthias Dieter. Vier Arten dominieren den deutschen Wald: Fichte und Kiefer sowie Buche und Eiche. Und sie verdeutlichen auch den Spagat zwischen Ökologie und Ökonomie. "Für die Industrie ist das Holz von Nadelbäumen eher interessant", so Dieter. "Aber für die Umwelt sind Laubbäume von Vorteil, weil sie eher für Luft- und Wasserklärung sorgen."

Doch auch wenn der deutsche Wald besser dasteht im Vergleich zu den 80ern - neue Herausforderungen stellen sich: "Aus Verkehr und Landwirtschaft kommt zuviel Stickstoff in die Wälder", sagt Bolte. Und: "Wir wissen noch nicht, wie sich der Klimawandel auf die Bäume auswirken wird", sagt Christiane Lorenz-Laubner. "Welche Art wird der zunehmenden Trockenheit am besten trotzen? Oder den neue Schädlingsarten, die zu uns kommen werden?" Die beste Versicherung für die Zukunft, da sind sich alle drei einig, ist, auf eine breite Artenvielfalt zu setzen.

Ad Astra 1784 Besitzt Braunschweig das älteste Luftfahrzeug der Welt?

16. Juni 2016

Als sich im Januar 1784, nur ein halbes Jahr nach den ersten Ballonaufstiegen der Brüder Montgolfier in Frankreich, zum ersten Mal ein Ballon in den Winterhimmel über Braunschweig erhob, konnte niemand ahnen, dass dies der Anfang einer langen Tradition Braunschweigs als Stadt der Luftfahrt werden würde. Der fortschrittliche Herzog Carl Wilhelm Ferdinand hatte das Gefährt mit dem himmelstürmenden Namen "Ad Astra" (Zu den Sternen) selbst in Auftrag gegeben - und doch wurde es nach den ersten Flügen für lange Zeit völlig vergessen.
Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte die Ballonhülle zwei Jahrhunderte überdauern, um schließlich in den Beständen des Städtischen Museums doch wiederentdeckt zu werden? Was sagen uns die Quellen in den Archiven dazu? Schließlich scheint es auf der ganzen Welt keine ältere, heute noch erhaltene Ballonhülle zu geben - ist es also Tatsache? Besitzt Braunschweig wirklich das älteste erhaltene Luftfahrzeug der Welt ?

Referenten

  • Heidemarie Anderlik
    stellvertretende Leiterin des Städtischen Museums Braunschweig

  • Dr. Henning Steinführer
    Leiter des Stadtarchiv Braunschweig

  • Prof. Dr. Christian Kehrt
    Institut für Geschichtswissenschaft, Technische Universität Braunschweig

  • Dr. Jessika Wichner
    Leiterin des DLR-Zentralarchivs, Göttingen

Moderation

  • Henning Noske
    Leitung Lokalredaktion Braunschweig, Braunschweiger Zeitung

Politik und Medien Kontrolle oder Kumpanei?

19. Mai 2016
  • Kurzinformation
  • ausführliche Information

Die Beziehungen zwischen Politik und Journalismus werden seit jeher kritisch beäugt. Von außen wird beiden Seiten häufig ein distanzloses Verhältnis vorgeworfen, in dem zu Lasten einer unabhängigen Berichterstattung exklusive Informationen gegen unkritische Inhalte getauscht werden. Wie nahe dürfen Journalistinnen und Journalisten ihren Quellen sein? Einerseits müssen sie Distanz wahren, um kritisch zu berichten. Andererseits ist Nähe unerlässlich, um an relevante Informationen zu gelangen. In der Veranstaltung wird diskutiert, wo die Grenzen verlaufen könnten und ob sich die Beziehungen zwischen Medien und Politik auf Landes- und Bundesebene unterscheiden.

Referenten

  • Prof. Dr. Olaf Hoffjann
    Institut für Medienmanagement, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

    Sein Statement: Politiker und Journalisten sind eher angefreundete Feinde als angefeindete Freunde.

  • Hubertus Heil
    Mitglied des Deutschen Bundestages

  • Armin Maus
    Chefredakteur Braunschweiger Zeitung

    Sein Statement: Journalisten sind dem Leser verpflichtet, nicht dem Politiker.
Wollen Sie mehr erfahren? Dann lesen Sie hier unsere ausführliche Version!

Das Unwort des Jahres 2014 war das Wort "Lügenpresse". Immer wieder skandiert aus der rechtsextremen Ecke, haben sich möglicherweise auch in der Mitte der Gesellschaft Zweifel breit gemacht, inwieweit es um die Unabhängigkeit der Medien und ihrer Kontrollfunktion bestellt ist. Olaf Hoffjann, Professor für Medien und Marketing an der Ostfalia Hochschule, sieht hier eine Verzerrung der Verhältnisse: "Misstrauen gegenüber Journalisten und Politikern hat es schon immer gegeben. Sie mag durch das Internet und soziale Netzwerke zugenommen haben. Dennoch hat die Mehrheit der Bürger noch immer ein großes Vertrauen in die Medien."

Olaf Hoffjann hat auch das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten untersucht und dafür zahlreiche Politiker und Journalisten befragt. "Unsere Ergebnisse zeigen eindeutig: Von Kumpanei kann keine Rede sein. Beide Seiten, Politiker wie Journalisten, fühlen sich in erster Linie ihren Wählern beziehungsweise ihren Lesern verpflichtet und nicht etwa einander."

Einerseits sollen und müssen Journalisten Distanz zu Politikern wahren, um kritisch über sie berichten zu können. Andererseits ist eine gewisse Nähe unerlässlich, um an exklusive Informationen zu gelangen. Journalisten und Redaktionen stehen miteinander in Wettbewerb um die Ware exklusive Information. "Auf öffentlichen Veranstaltungen bekommt man die nicht", sagt Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung. So treffen sich Politiker und Journalisten in den berühmten Hinterzimmer-Gesprächen, nicht öffentlichen Veranstaltungen, wo Politiker ausgewählten Journalisten exklusive Informationen geben. Dabei kann beim Leser der Eindruck der Kumpanei entstehen. "Solche Hintergrundgespräche in geschützten Räumen sind aber in Ordnung und notwendig", sagt Maus, "denn Journalisten erhalten dort häufig sensible Informationen. Oft fließen sie direkt in die Berichterstattung ein, und immer helfen sie, andere Informationen besser zu hinterfragen und einzuordnen."

Das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu wahren, ist wichtig - kann sich aber in der Praxis als schwierig erweisen. "Es dürfen keine gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis entstehen", sagt Maus. Die können auftreten, wenn Politiker Informationen mit falschen Erwartungen verknüpfen. "Ein häufiger Irrtum, der passieren kann", so Olaf Hoffjann, "ist, dass Politiker zuweilen glauben, die Berichterstattung kontrollieren zu können oder Dankbarkeit vom Journalisten erwarten."

Dass dies, selbst wenn es zeitweise tatsächlich passieren kann, aber am Ende ein Trugschluss ist, zeigt der Fall Christian Wulff. Der frühere niedersächsische Ministerpräsident suchte sehr die Nähe der Bild-Zeitung, die viele freundliche Berichte über ihn schrieb. Als der spätere Bundespräsident Wulff dann aber versuchte, die Journalisten und ihre Berichterstattung zu kontrollieren, wandte sich die Bild-Zeitung und andere Medien gegen ihn.

In der Veranstaltung diskutierten wir, wie nahe sich Politiker und Journalisten im Alltag kommen, wo die Grenzen verlaufen und ob sich die Beziehungen zwischen Medien und Politik in Hannover von denen in Berlin unterscheiden.

Referenten

  • Prof. Dr. Olaf Hoffjann
    Institut für Medienmanagement, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

    Sein Statement: Politiker und Journalisten sind eher angefreundete Feinde als angefeindete Freunde.

  • Hubertus Heil
    Mitglied des Deutschen Bundestages

  • Armin Maus
    Chefredakteur Braunschweiger Zeitung

    Sein Statement: Journalisten sind dem Leser verpflichtet, nicht dem Politiker.

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Bakterien und Menschen Ein gestörtes Verhältnis?

21. April 2016
  • Kurzinformation
  • ausführliche Information

Bakterien haben ein Imageproblem. Schnell denken wird an Schmutz, Krankheit oder sogar Tod. Für manchen ist die Angst vor Bakterien so groß, dass sie selbst zur Krankheit wird. Mit teilweise übertriebener Hygiene versuchen wir, sie zu bekämpfen. Dabei sind krankmachende Bakterien eher die Ausnahme. Die meisten dieser Mikroben sind für uns harmlos, viele nützlich, manche sogar lebensnotwendig.

Auf und in unserem Körper leben Abermillionen Bakterien. Sie helfen uns bei der Verdauung und bei der Abwehr von Krankheitserregern. Aber Bakterien sind nicht immer willkommen. In Krankenhäusern sind Keime, die gegen immer mehr Antibiotika resistent sind, ein großes Problem.

Wir brauchen ein differenziertes Bild von diesen Lebewesen. Welche Bakterien nützen uns? Welche schaden uns? Und was kann man tun, wenn die Angst vor ihnen zur Krankheit wird?

Referenten

  • Prof. Dr. Jörg Overmann
    Leiter der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen

    Sein Statement: "Wir kennen 600 krankheitserregende Bakterien. Denen stehen 10 Millionen bis 1 Milliarde Bakterienarten gegenüber, die für den Menschen von Nutzen sind."

  • Prof. Dr. Ralf-Peter Vonberg
    Institut für Krankhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover

    Sein Statement: "Wir brauchen Hygiene, da wo sie wichtig ist: im Krankenhaus. Aber außerhalb davon plädiere ich dafür, Hygienehysterie zu vermeiden."

  • PD Dr. med. Alexander Diehl
    Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Städtisches Klinikum Braunschweig

    Sein Statement: "Durch Achtsamkeit können wir Gefahren reduzieren, aber der Wunsch nach 100%iger Kontrolle kann zur Geißel werden."
Wollen Sie mehr erfahren? Dann lesen Sie hier unsere ausführliche Version!

Bakterien haben ein Imageproblem. Denken wir an sie, denken wir an Schmutz, Krankheit oder sogar Tod. Für manchen ist die Angst vor Bakterien so groß, dass sie selbst zur Krankheit wird. Mit teilweise übertriebener Hygiene versuchen wir, sie zu bekämpfen. Dabei sind krankmachende Bakterien unter den Abertausenden verschiedenen Bakterienarten eher die Ausnahme. Die meisten dieser Mikroben sind für uns harmlos, viele nützlich, manche sind sogar lebensnotwendig.

Das schlechte Image der Bakterien ist historisch bedingt, sagt Professor Jörg Overmann, Leiter der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig. "Viele der ersten Bakterien, die man entdeckte, waren Krankheitserreger." Tuberkulose, Diphterie, Milzbrand, Cholera, Tetanus - von Krankheiten, die vor hundert Jahren noch die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, fanden Pioniere der Mikrobiologie wie Louis Pasteur und Robert Koch die Ursache: krankmachende Bakterien. Das prägte das Bild der Einzeller als unsichtbare Gefahr. "Man hatte damals auch noch nicht die technischen Möglichkeiten, um zu erkennen, dass Bakterien überall um uns und in uns sind. Und vor allem nützliche", sagt Jörg Overmann.

So leben auf und in unserem Körper Abermillionen Bakterien verschiedenster Arten. Auf jede unserer Körperzellen kommt im Schnitt ein Bakterium. Ohne diese Untermieter hätten wir viele gesundheitliche Probleme. Deswegen haben wir sie von Geburt an auch immer bei uns: Die Bakterien erben wir von unserer Mutter. Durch den Vaginalschleim und die Muttermilch überträgt sie sie nach der Geburt auf uns.

Die meisten der bakteriellen Untermieter leben im Darm. Dort helfen sie uns bei der Verdauung und bei der Abwehr von Krankheitserregern. Im Gegenzug bekommen sie von uns Nahrung und einen geschützten Raum. Wie wichtig unsere Körperbakterien für uns sind, beginnen Forscher gerade erst ansatzweise zu verstehen. Es gibt Hinweise darauf, dass eine Störung der Darmflora im Kindesalter mit Krankheiten wie Asthma und Übergewicht im späteren Leben verknüpft ist. Daher raten Mediziner zu einem sorgsamen Umgang mit Antibiotika, die nicht nur krankheitserregende Bakterien bekämpfen, sondern bei jeder Einnahme auch unsere nützlichen Darmbakterien töten. Diese regenerieren sich nach der Antibiotika-Therapie zwar wieder, aber möglicherweise verändert sich das Artenspektrum dauerhaft.

Der übermäßige und unbedachte Einsatz von Antibiotika hat auch zur Bildung von resistenten Krankheitserregern geführt. Das ist vor allem in Krankenhäusern ein zunehmendes Problem. "Keime wie Clostridium difficile und andere schädliche Darmbakterien sind stark auf dem Vormarsch", sagt Professor Ralf-Peter Vonberg vom Institut für Krankhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Krankenhäuser haben darauf mit dem konsequenten Einsatz von Hygiene reagiert. "Hände, medizinische Geräte und sanitäre Anlagen werden regelmäßig gereinigt und desinfiziert. Und von jedem Patienten, der in der MHH eingeliefert wird, machen wir eine Aufnahmeuntersuchung auf MRSA und problematische Darmbakterien. Sollte sich dann herausstellen, dass er einen riskanten Keim hat, wird er isoliert." Diese Maßnahmen zeigen Erfolge: "MRSA haben wir auf diese Weise in den Griff bekommen", sagt Vonberg. "Die Infektionen mit diesem Keim sinken."

Vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern breiten sich multiresistente Krankheitserreger dramatisch aus. Längst besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose werden in Osteuropa, Indien und Afrika zum Problem. Manche der Flüchtlinge, die von der kräftezehrenden und gefährlichen Reise geschwächt und krank sind, bringen diese Erreger mit, sagt Ralf-Peter Vonberg. "Aber es sind Einzelfälle, die wir gut im Griff haben. Von einer Krankheitswelle, wie mitunter in der Bevölkerung angenommen wird, kann man nicht sprechen."

So notwendig konsequente Hygiene im Krankenhaus ist - im täglichen Leben ist übertriebene Hygiene unnötig. Um sich vor Ansteckung zu schützen, seien ein paar einfache Grundregeln ausreichend, meint Vonberg. Zum Beispiel: "Regelmäßig Händewaschen und nicht so häufig mit den Händen ins Gesicht fassen." Das macht es Krankheitserregern schwerer, in den Körper einzudringen.

Wir brauchen ein differenziertes Bild von Bakterien. Welche nützen uns? Welche schaden uns? Wie sollen wir mit ihnen umgehen? Und was kann man tun, wenn die Angst vor ihnen zur Krankheit wird?

Referenten

  • Prof. Dr. Jörg Overmann
    Leiter der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen

    Sein Statement: "Wir kennen 600 krankheitserregende Bakterien. Denen stehen 10 Millionen bis 1 Milliarde Bakterienarten gegenüber, die für den Menschen von Nutzen sind."

  • Prof. Dr. Ralf-Peter Vonberg
    Institut für Krankhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover

    Sein Statement: "Wir brauchen Hygiene, da wo sie wichtig ist: im Krankenhaus. Aber außerhalb davon plädiere ich dafür, Hygienehysterie zu vermeiden."

  • PD Dr. med. Alexander Diehl
    Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Städtisches Klinikum Braunschweig

    Sein Statement: "Durch Achtsamkeit können wir Gefahren reduzieren, aber der Wunsch nach 100%iger Kontrolle kann zur Geißel werden."

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Flucht und Zuwanderung Wovor haben wir Angst?

10. März 2016
  • Kurzinformation
  • ausführliche Information

Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Weltbildern kommen bei uns an. Nicht immer stimmen die Werte und das Verhalten einiger Flüchtlinge mit denen unserer Gesellschaft überein. Die Reaktionen darauf führen zu einer Spaltung der Gesellschaft. Auf der einen Seite bedingungslose Willkommenskultur, auf der anderen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Auf welche wissenschaftlichen Erkenntnisse, Rechte und Werte sollen und wollen wir uns bei dieser Auseinandersetzung berufen? Welche neuen Werte, Chancen und Herausforderungen bringen unsere neuen Mitbewohner ein? Was sollen und wollen wir tolerieren und wo müssen wir eigene Grenzen deutlich machen?

Referenten

  • Uta Hirschler
    Pröbstin, Braunschweig

    Ihr Statement: "Staat und Religion sind getrennt, aber es gibt eine öffentliche Form der Religion. Und die muss sich an das Grundgesetz halten."

  • Dr. Riem Spielhaus
    Islamwissenschaftlerin,Georg-Eckert Institut für internationale Schulbuchforschung, Leiterin Abteilung Schulbuch und Gesellschaft, Braunschweig

    Ihr Statement: "Viele Menschen machen sich Sorgen: vor sexuellen Übergriffen, vor Brandanschlägen und nicht zuletzt vor einer erneuten Polarisierung der Gesellschaft, die ihre Werte über Bord wirft."

  • Prof. Dr. Nils Bandelow
    Lehrstuhl für Innenpolitik, Technische Universität Braunschweig

    Sein Statement:
    "Es gibt kein 'Wir' und kein 'Die'. Es gibt nicht die eine christliche Kultur, genauso wenig wie die eine islamische. Wir sind eine pluralistische Gesellschaft."

  • Norbert Wolf
    Generalstaatsanwalt, Braunschweig

    Sein Statement:
    "Es wird derzeit viel über Werte gesprochen. Wir haben ein Wertesystem: unser Grundgesetz."
Wollen Sie mehr erfahren? Dann lesen Sie hier unsere ausführliche Version!

Die Auswirkungen der anhaltenden Zuwanderung von Menschen aus Krisenländern beschäftigen viele Menschen in Deutschland. Anfangs dominierte die Willkommenskultur und es galt die Devise: "Wir schaffen das". Doch spätestens nach den Übergriffen auf Frauen in Köln und einigen anderen deutschen Städten, hat diese Willkommenskultur Risse bekommen.

Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Überzeugungen und Weltbildern kommen tagtäglich bei uns an. Sind ihre Werte kompatibel zu unseren, fragen sich viele Menschen mittlerweile. Und wird ihre Aufnahme uns möglicherweise überfordern - gesellschaftlich wie ökonomisch?

Manche Ängste werden für fremdenfeindliche Zwecke instrumentalisiert. Manche jedoch sind begründet und waren auch schon vorher da. "Wir haben in Deutschland ein wachsendes soziales Gefälle und eine wachsende Zahl von Menschen, die sich von Politik und Medien nicht mehr repräsentiert fühlt", sagt Nils Bandelow, Politikwissenschaftler an der TU Braunschweig. Zudem gab es seiner Meinung nach große Probleme bei der Vermittlung der Flüchtlingspolitik. Die Folge: Laut neuesten Umfragen glauben 81 Prozent der Menschen in Deutschland nicht mehr, dass die Bundesregierung die Lage noch im Griff hat.

Wie die Ereignisse in Köln gezeigt haben, stimmt das Verhalten einiger Flüchtlinge nicht mit den Vorstellungen unserer Werte überein. Die Frage ist, woran das liegt. Dabei fällt die Diskussion schnell zurück auf den Islam, kritisiert Nils Bandelow. "Dabei gibt es weder den einen Islam. Und viele der zu uns kommenden Menschen sind genauso säkular wie Christen hierzulande auch."

Das Problem bei der Diskussion um Glauben und Werte: Beide sind auslegbar und können instrumentalisiert werden, um andere auszugrenzen. Der Braunschweiger Generalstaatsanwalt Norbert Wolf bringt es auf den Punkt: "Wir haben einen gemeinsamen Wert: das Grundgesetz." Hinter das können und wollen wir nicht zurücktreten, sagt Uta Hirschler, Pröpstin in Braunschweig.

Auf welche wissenschaftlichen Erkenntnisse, Rechte und Werte sollen und wollen wir uns bei dieser Auseinandersetzung berufen? Welche neuen Werte, Chancen und Herausforderungen bringen unsere neuen Mitbewohner ein? Was sollen und wollen wir tolerieren und wo müssen wir eigene Grenzen deutlich machen?

Referenten

  • Uta Hirschler
    Pröbstin, Braunschweig

    Ihr Statement: "Staat und Religion sind getrennt, aber es gibt eine öffentliche Form der Religion. Und die muss sich an das Grundgesetz halten."

  • Dr. Riem Spielhaus
    Islamwissenschaftlerin,Georg-Eckert Institut für internationale Schulbuchforschung, Leiterin Abteilung Schulbuch und Gesellschaft, Braunschweig

    Ihr Statement: "Viele Menschen machen sich Sorgen: vor sexuellen Übergriffen, vor Brandanschlägen und nicht zuletzt vor einer erneuten Polarisierung der Gesellschaft, die ihre Werte über Bord wirft."

  • Prof. Dr. Nils Bandelow
    Lehrstuhl für Innenpolitik, Technische Universität Braunschweig

    Sein Statement:
    "Es gibt kein 'Wir' und kein 'Die'. Es gibt nicht die eine christliche Kultur, genauso wenig wie die eine islamische. Wir sind eine pluralistische Gesellschaft."

  • Norbert Wolf
    Generalstaatsanwalt, Braunschweig

    Sein Statement:
    "Es wird derzeit viel über Werte gesprochen. Wir haben ein Wertesystem: unser Grundgesetz."

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist

Social Freezing Die besten Jahre für die Firma?

28. Januar 2016

Karriere oder Kinder? Diese alte Frage scheint endlich gelöst: Frauen können nun Eizellen im jungen Alter einfrieren lassen und ihren Kinderwunsch auf später verschieben. Schon bieten Firmen an, die Kosten für das "Social Freezing" zu übernehmen.

Die neue Technologie wirft Fragen auf. Ist sie vielleicht für Politik und Wirtschaft eine bequeme Entschuldigung, sich nicht mehr um eine familienfreundlichere Arbeitswelt bemühen zu müssen? Suggeriert sie uns möglicherweise, dass wir unser ganzes Leben kontrollieren können? Und wer kontrolliert es am Ende - wir oder die Wirtschaft? Und: Was sagt es aus über eine Gesellschaft, wenn sie "Social Freezing" als eine notwendige Option sieht?

Referenten

  • Apl. Prof. Dr. Kathrin Braun
    Universität Hannover, z.Zt. Gastprofessorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien

  • Prof. Dr.-ing. Corinna Bath
    Gender-Professur für Technik und Mobilität an der Technischen Universiät Braunschweig und der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaft

  • PD Dr. Heiko B.G. Franz
    Chefarzt Frauenklinik, Klinikum Braunschweig

  • Manfred Casper
    Hauptgeschäftsführer Arbeitgeberverband Region Braunchweig e.V.

Moderator

Jens Lubbadeh (Foto: ©privat)
Jens Lubbadeh
Wissenschaftsjournalist