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Tatsachen? Forschung unter der Lupe

Bakterien und Menschen - ein gestörtes Verhältnis?

Diskussion
Donnerstag, 21.04.2016, 19 Uhr (Ende ca. 20:30 Uhr)
Aula

Eintritt frei

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Bakterien haben ein Imageproblem. Denken wir an sie, denken wir an Schmutz, Krankheit oder sogar Tod. Für manchen ist die Angst vor Bakterien so groß, dass sie selbst zur Krankheit wird. Mit teilweise übertriebener Hygiene versuchen wir, sie zu bekämpfen. Dabei sind krankmachende Bakterien unter den Abertausenden verschiedenen Bakterienarten eher die Ausnahme. Die meisten dieser Mikroben sind für uns harmlos, viele nützlich, manche sind sogar lebensnotwendig.

Das schlechte Image der Bakterien ist historisch bedingt, sagt Professor Jörg Overmann, Leiter der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig. „Viele der ersten Bakterien, die man entdeckte, waren Krankheitserreger.“ Tuberkulose, Diphterie, Milzbrand, Cholera, Tetanus – von Krankheiten, die vor hundert Jahren noch die Menschen in Angst und Schrecken versetzen, fanden Pioniere der Mikrobiologie wie Louis Pasteur und Robert Koch die Ursache: krankmachende Bakterien. Das prägte das Bild der Einzeller als unsichtbare Gefahr. „Man hatte damals auch noch nicht die technischen Möglichkeiten, um zu erkennen, dass Bakterien überall um uns und in uns sind. Und vor allem nützliche“, sagt Jörg Overmann.

So leben auf und in unserem Körper Abermillionen Bakterien verschiedenster Arten. Auf jede unserer Körperzellen kommt im Schnitt ein Bakterium. Ohne diese Untermieter hätten wir viele gesundheitliche Probleme. Deswegen haben wir sie von Geburt an auch immer bei uns: Die Bakterien erben wir von unserer Mutter. Durch den Vaginalschleim und die Muttermilch überträgt sie sie nach der Geburt auf uns.

Die meisten der bakteriellen Untermieter leben im Darm. Dort helfen sie uns bei der Verdauung und bei der Abwehr von Krankheitserregern. Im Gegenzug bekommen sie von uns Nahrung und einen geschützten Raum. Wie wichtig unsere Körperbakterien für uns sind, beginnen Forscher gerade erst ansatzweise zu verstehen. Es gibt Hinweise darauf, dass eine Störung der Darmflora im Kindesalter mit Krankheiten wie Asthma und Übergewicht im späteren Leben verknüpft ist. Daher raten Mediziner zu einem sorgsamen Umgang mit Antibiotika, die nicht nur krankheitserregende Bakterien bekämpfen, sondern bei jeder Einnahme auch unsere nützlichen Darmbakterien töten. Diese regenerieren sich nach der Antibiotika-Therapie zwar wieder, aber möglicherweise verändert sich das Artenspektrum dauerhaft.

Der übermäßige und unbedachte Einsatz von Antibiotika hat auch zur Bildung von resistenten Krankheitserregern geführt. Das ist vor allem in Krankenhäusern ein zunehmendes Problem. „Keime wie Clostridium difficile und andere schädliche Darmbakterien sind stark auf dem Vormarsch“, sagt Professor Ralf-Peter Vonberg vom Institut für Krankhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Die Krankenhäuser haben darauf mit dem konsequenten Einsatz von Hygiene reagiert. „Hände, medizinische Geräte und sanitäre Anlagen werden regelmäßig gereinigt und desinfiziert. Und von jedem Patienten, der in der MHH eingeliefert wird, machen wir eine Aufnahmeuntersuchung auf MRSA und problematische Darmbakterien. Sollte sich dann herausstellen, dass er einen riskanten Keim hat, wird er isoliert.“ Diese Maßnahmen zeigen Erfolge: „MRSA haben wir auf diese Weise in den Griff bekommen“, sagt Vonberg. „Die Infektionen mit diesem Keim sinken.“

Vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern breiten sich multiresistente Krankheitserreger dramatisch aus. Längst besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose werden in Osteuropa, Indien und Afrika zum Problem. Manche der Flüchtlinge, die von der kräftezehrenden und gefährlichen Reise geschwächt und krank sind, bringen diese Erreger mit, sagt Ralf-Peter Vonberg. „Aber es sind Einzelfälle, die wir gut im Griff haben. Von einer Krankheitswelle, wie mitunter in der Bevölkerung angenommen wird, kann man nicht sprechen.“

So notwendig konsequente Hygiene im Krankenhaus ist - im täglichen Leben ist übertriebene Hygiene unnötig. Um sich vor Ansteckung zu schützen, seien ein paar einfache Grundregeln ausreichend, meint Vonberg. Zum Beispiel: „Regelmäßig Händewaschen und nicht so häufig mit den Händen ins Gesicht fassen.“ Das macht es Krankheitserregern schwerer, in den Körper einzudringen.

Wir brauchen ein differenziertes Bild von Bakterien. Welche nützen uns? Welche schaden uns? Wie sollen wir mit ihnen umgehen? Und was kann man tun, wenn die Angst vor ihnen zur Krankheit wird?

Diskussion mit

Prof. Dr. Jörg Overmann

  • Prof. Dr. Jörg Overmann, Leiter der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen

    Sein Statement: "Wir kennen 600 krankheitserregende Bakterien. Denen stehen 10 Millionen bis 1 Milliarde Bakterienarten gegenüber, die für den Menschen von Nutzen sind."

  • Prof. Dr. Ralf-Peter Vonberg, Institut für Krankhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover

    Sein Statement: "Wir brauchen Hygiene, da wo sie wichtig ist: im Krankenhaus. Aber außerhalb davon plädiere ich dafür, Hygienehysterie zu vermeiden."

  • PD Dr. med. Alexander Diehl
    Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
    Städtisches Klinikum Braunschweig

    Sein Statement: "Durch Achtsamkeit können wir Gefahren reduzieren, aber der Wunsch nach 100%iger Kontrolle kann zur Geißel werden."

Moderation

Jens Lubbadeh
  • Jens Lubbadeh
    Wissenschaftsjournalist

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