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Fruchtbarer Boden - wertvoll und bald unbezahlbar?

Erosion. Pestizide. Treibhausgase. Spekulationsobjekt. Am Ende des Abends blieb keines der brisanten Themen von den vier Experten unerwähnt. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Tatsachen? Forschung unter der Lupe  fand am 7. Mai 2015 im Haus der Wissenschaft ein Diskussionsabend statt, bei dem gemeinsam mit dem Publikum über das Thema „Fruchtbarer Boden – wertvoll und bald unbezahlbar?“ diskutiert, hinterfragt und beleuchtet wurde.

Durch Erosion geht stetig fruchtbarer Boden verloren
Den Einstieg in die Diskussionsrunde machte Dr. Annette Freibauer, stellvertretende Institutsleiterin des Thünen-Instituts für Agrarklimaschutz in Braunschweig. Sie sieht das Problem beim Anbau sogenannter Monokulturen, bei denen die Ackerflächen von Periode zu Periode mit der gleichen Nutzpflanze bearbeitet werden. Dies tritt vorwiegend in Zusammenhang mit dem Anbau von Mais („Energiemais“) auf, der bei der Stromerzeugung durch Biogasanlagen genutzt wird.
„Der Nachteil dieses Anbauverfahrens“, so die Forscherin „sind die Zeiträume, in denen die Böden den Witterungen schutzlos ausgeliefert sind, sodass gerade bei freien Hangflächen Erosionen durch starke Regenfälle und Winde verursacht werden können“.
Die Folge: Die fruchtbare, nährstoffreiche Zone des Bodens, der Humus, wird abgetragen und geht verloren. Das Ziel müsse daher sein, die fruchtbare Funktion des Bodens dauerhaft zu erhalten.
Laut Freibauer könne man dies zum Beispiel durch den Anbau sogenannter Permakultur-Systeme erreichen. Diese Anbaustrategien zielen darauf ab das Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen auf unbestimmte Zeit nachhaltig zu ermöglichen und bewirken so eine kontinuierliche Bedeckung des Bodens.

Ulrich Löhr, Vertreter des Vereins Landvolk Niedersachsen–Landesbauernverband e.V. bestätigte die These Freibauers und fügte an, dass die dauerhafte Bodenbedeckung durch Zwischenfrüchte schon seit Jahren praktiziert und für die Landwirte eine „Win-win-Situation“ darstelle, indem der Humus geschützt wird, Nährstoffe gespeichert und weitere Erträge ermöglicht werden.

Unsere Böden sind Teil des Klimawandels
Ein weiteres Problem der Erosion sei nach Tilman Uhlenhaut, Projektkoordinator des Vereins BUND Niedersachsen e.V., die steigende Kohlenstoffdioxidemission in der Landwirtschaft, die unter anderem durch den Rückgang des Humus mit verursacht werde.
So seien Grünflächen – neben Mooren – die größten Kohlenstoffspeicher unter den Böden, so Uhlenhaut. Er fordert daher, diese auszuweiten und vor der Beackerung zu schützen.
Freibauer fügte an, dass neben der Bodenerosion und dem Ausstoß klimaschädlichen Methans in der Viehhaltung die Drainage der Moorböden zu einer hohen Lachgasemission und folglich zu der hohen Treibhausgasemission der Landwirtschaft beitrage.
Uhlenhaut sprach die derzeitig schlechte Grundwasserqualität an, die die Landwirte aufgrund unangemessenen Einsatzes von Pestiziden und Dünger zu verantworten haben.
So sehen alle Experten einen kontrollierten, punktuellen Einsatz von Schädlingsbekämpfung, wie bereits in Dänemark und den Niederlanden gesetzlich geregelt, als sinnvoll und notwendig an. Freibauer betonte, dass der Einsatz von Pestiziden stark reduziert werden kann. Dies benötige jedoch zum einen Zeit und zum anderen Erfahrung, damit ein Befall frühzeitig erkannt und gegebenenfalls eingegriffen werden kann.

Biogasanlagen - die lukrativere Landwirtschaft in der Zukunft?
Auf die Frage, ob es derzeit eine Entwicklung vom Landwirt zum Energiewirt gäbe, antwortete Löhr mit einem deutlichen „Nein“. Aufgrund von Subventionskürzungen sei der „Biogas-Hype vorbei“. Er fügte hinzu, dass das Geschäftsmodell der Biogasanlage in der Vergangenheit lukrativ war, es jedoch keineswegs „eine Lizenz zum Gelddrucken“ sei, da aktuell die hohen und weiter steigenden Pachtpreise enorme Kosten verursachen.
Andreas Tietz, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom  Institut für Ländliche Räume in Braunschweig, hat die Entwicklung der Bodenpreise in den vergangenen Jahren verfolgt und analysiert. Er konnte seit 2007 in den westlichen Regionen Deutschlands eine Steigerung des Bodenpreises um 50% konstatieren. In den östlichen Bundesländern verdreifachten sie sich. Dies sei aber nicht auf die viel beschworenen Großinvestoren zurückzuführen, die angeblich großflächig Boden im Osten aufkauften.

Aufgrund von Regularien sei es für Großinvestoren in Deutschland nicht so einfach große Flächen zu ersteigern. Zudem seien die Gewinne aus Bodenbewirtschaftung für rein renditeorientierte landwirtschaftsferne Unternehmen zu unattraktiv. Die BVVG (Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH), die für die Privatisierung der östlichen Ländereien zuständig ist, habe durch öffentliche Ausschreibungen den Wettbewerb und damit die Preisentwicklung angeheizt.  
Uhlenhaut brachte an dieser Stelle seine Bedenken zum Ausdruck, ob dieser Weg der Vermarktung, den der Bund mit der BVVG geht, nicht die Vielfalt der Landwirte in den Regionen gefährde. Obwohl auch Löhr die Vergabepraxis der BVVG scharf kritisierte, ist er von der Selbstregulierung des Marktes überzeugt.

Wie kann jeder Einzelne privat einen positiven Beitrag leisten?
Uhlenhaut plädiert zum Ende der Diskussion für ein stärkeres Bewusstsein der Bevölkerung und der Medien zum Thema Landwirtschaft. Gleichzeitig räumt er ein, dass der Verbraucher direkt relativ wenig tun kann. Freibauer rät Verbrauchern, Bioprodukte zu kaufen, da diese aus ökologischer und damit bodenschonender Landwirtschaft stammen. Auch Milch und Fleisch von Weiderindern sei zu empfehlen, da dies wichtiges Grünland fördere. Sie appelliert Grünland in Zukunft stärker zu schützen.

Den Abend moderierte der Wirtschaftsjournalist Jens Lubbadeh, der die Diskussion auf fachlich hohem Niveau führte und die Experten mit kritischen Fragen konfrontierte.

(Autor: Sören Jakob)