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Individualisierte Medizin - hält sie dem Erwartungsdruck stand?

Tatsachen? - Forschung unter der Lupe

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Bei der dritten Ausgabe der Reihe Tatsachen? Forschung unter der Lupe diskutierten am 22. Mai 2014 vier Gäste aus Forschung, Gesundheitswesen und Politik die Erwartungen an die individualisierte Medizin.


(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Zu Beginn der Veranstaltung zeigte Professor Hanno Glimm von der Abteilung für Translationale Onkologie des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg in einem Impulsvortrag, dass individualisierte Medizin bereits heute vor allem in der Krebstherapie zur Anwendung kommt. Da jeder Tumor auf Grund unterschiedlicher Gen-Mutationen anders sei, eigne sich individualisierte Medizin hier besonders gut. Durch Tests, die vor der konkreten Behandlung gemacht werden, ließe sich die Art des Tumors feststellen – diese Informationen dienen dann dazu, eine optimale, auf den Tumor zugeschnittene Behandlung zu entwickeln. Auf diese Weise wird die Wirksamkeit bei geringerer Belastung der Patientinnen und Patienten gesteigert, denn zielgerichtete Behandlungen bringen sogleich weniger Nebenwirkungen und bessere Heilerfolge mit sich. Für eine optimale Behandlung ist jedoch auch das Einverständnis der Patientinnen und Patienten notwendig, da hierfür eine Fülle von persönlichen Informationen erforderlich ist. Zudem ist individualisierte Medizin auch Teamarbeit. In der Regel arbeiten viele unterschiedliche Abteilungen miteinander.

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Der Vorteil der individualisierten Medizin liegt in der deutlich höheren Lebenserwartung der Patientinnen und Patienten. Dr. Helmut Blöcker, Mitglied des Bezirksrats Braunschweig von Bündnis 90/Die Grünen, verwies jedoch auf die hohen Kosten dieser Methodik. So sei die Selbstbeteiligung für die Betroffenen sehr hoch und das unter Umständen ein ganzes Leben lang. Zwar beteiligen sich die Krankenkassen, privat wie gesetzlich, an den Kosten, doch meist nur in geringem Umfang. Den Grund dafür sehen die Expertinnen und Experten in den hohen Entwicklungskosten der Medikamente.

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

„Die Pharmafirmen wurden durch den gesellschaftlichen Rückzug aus der Medikamentenforschung in einen Interessenkonflikt gedrängt“, erklärte dazu Corinna Schaefer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin. Indem sie hohe Preise für ihre Medikamente verlangen, refinanzieren Pharmafirmen die oft teure und langwierige Entwicklung.

Das mag die Betroffenen zunächst insbesondere finanziell belasten, doch sollte man nicht außer Acht lassen, dass sich durch individualisierte Medizin auch Kosten sparen lassen. So sollte man selbst bei teuren Medikamenten bedenken, dass langfristige Kosten durch das Fehlen und Behandeln von Nebenwirkungen wegfallen. Dr. Frank Pessler, Kinderarzt und Arbeitsgruppenleiter im TWINCORE Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung, unterstrich zudem die Vorteile der individualisierten Medizin, die sich schon heute abseits der Krebsforschung offenbaren. So können neu entwickelte Tests eindeutige Ergebnisse darüber liefern, ob die Gabe von Antibiotika, beispielsweise bei Halsentzündungen, tatsächlich erforderlich ist. Das spare unter Umständen nicht nur Kosten für die Patientinnen und Patienten, sondern verhindere auch die Entwicklung von Resistenzen gegenüber Antibiotika.

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Corinna Schaefer zeigte sich dennoch skeptisch gegenüber den neuesten Entwicklungen in der Medizin. Insbesondere den Therapien vorgeschalteten Tests brachte sie gewisse Bedenken entgegen, da die Genauigkeit der Tests zum Teil nicht belegt sei. Im Zuge der Überprüfung zur Zulassung seien die neuen, zielgerichteten Medikamente sodann auch unterschiedlich erfolgreich, was Überlebensraten sowie Quoten zu Rückfällen und Nebenwirkungen anbelangt. Problematisch käme hinzu, dass Medikamentenstudien zur Patientensicherheit zum einen auf große Fallzahlen ausgelegt sind. Viele Medikamente, die zur personalisierten Therapie eingesetzt werden, sind jedoch zur Behandlung seltener Krankheiten entwickelt worden. Dementsprechend klein sind die Fallzahlen. Zum anderen werden diese Studien über einen langen Zeitraum hinweg erhoben, um die langfristigen Auswirkungen auf den Körper beobachten zu können. Oftmals sei es aber notwendig, dass ein Medikament schnell zur breiten Anwendung zugelassen wird. In Ausnahmefällen wird es daher vorläufig zugelassen, allerdings unter dem Vorbehalt, später auf Basis einer besseren Datenlage wieder vom Markt genommen zu werden. Man stimmte darüber überein, dass ein solches Vorgehen nicht dauerhaft angewendet werden könne. Professor Glimm forderte daher neben genaueren Datenerhebungen auch moderne Studienkonzepte.

Insgesamt bestand unter den Podiumsgästen Einigkeit darüber, dass die Medizin heute auf dem richtigen Weg sei, Lösungen für bestimmte Probleme jedoch nicht von heute auf morgen erwartet werden können. Zudem sollen die Patientinnen und Patienten nach ausführlicher Aufklärung über die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten selbst entscheiden können, für welche sie sich letztlich entscheiden.

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Durch den Abend führte Wissenschaftsjournalist Jens Lubbadeh. Für das interessierte Publikum gab es im Anschluss an die Redebeiträge der Referenten noch die Möglichkeit, zu Wort zu kommen. Die Fragen lieferten zusätzliche Impulse und Aspekte, welche in die Diskussion aufgenommen wurden.

Unter dem Hashtag #tatsachen2014 wurde live von der Veranstaltung getwittert. Hier geht´s zum Storify.

Weiter mit Tatsachen? Forschung unter der Lupe geht es am 25. September 2014 um 19 Uhr zum Thema: Die innere Uhr – wer bestimmt den Takt?

(Autorin: Kristin Briese)