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Nutztierhaltung zwischen Tierwohl und Billigfleisch - welche Rolle spielt die Wissenschaft?

Tatsachen? - Forschung unter der Lupe

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Tatsachen? Forschung unter der Lupe diskutierten am 24. April 2014 im Haus der Wissenschaft in Braunschweig drei ExpertInnen gemeinsam mit dem Publikum über tragfähige Modelle zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung und über die Rolle, die die Wissenschaft dabei spielen kann.

Kaum ein Tag vergeht, an dem die Haltung von Schweinen, Kühen oder Geflügel nicht im Fokus der Medien steht. Nichts scheint die Gemüter bei Diskussionen über die Landwirtschaft so sehr zu erhitzen wie die Nutztierhaltung. Überschattet von Negativschlagzeilen, wie jüngst bei dem Skandal um falsch deklariertes Neuland-Geflügelfleisch, entfacht die Diskussion um das Tierwohl regelmäßig von Neuem. Der Begriff „Massentierhaltung“ hat Eingang in das deutsche Standardvokabular gefunden. Er wird oft pauschal für große Betriebe verwendet und mit Billigfleisch sowie einer nicht artgerechten Tierhaltung in Verbindung gebracht.

Wie sieht optimale Tierhaltung aus?
Noch nie war Nutztierhaltung so effizient wie heute. Durch optimierte Zucht, Haltung und Fütterung hat sie den VerbraucherInnen neben sicheren Lebensmitteln vor allem niedrige Preise beschert. Doch es gibt weiterhin viele Missstände. Denn die Effizienzsteigerung in der Nutztierhaltung geht zu Lasten des Tierwohls. So werden noch immer Schweineschwänze kupiert, Milchvieh in Vollbuchtspalten gehalten, Hühner dicht an dicht in Bodenhaltung eingesperrt oder Hygienestandards nicht eingehalten.

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Dr. Lars Schrader, Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts in Celle, steht einer durch die Gesellschaft designten Tierhaltung kritisch gegenüber: „Wir müssen uns die Frage stellen, wie die optimale Haltung aus Sicht der Tiere und nicht aus Sicht der Bevölkerung aussieht. Nicht immer sind gesellschaftliche Erwartungen auch die für das Tier am besten geeignete Situation. Häufig fehlen Kenntnisse über die wahren Bedürfnisse der Tiere.“ So galt es beispielsweise lange Zeit als Tierquälerei, Kälber von ihrer Mutter getrennt in separaten Aufstallungen (Kälberiglus) zu halten. Die Kälber sind dort zwar von ihrer Mutter getrennt, jedoch im Gegensatz zu dieser an der frischen Luft und sind daher auch weniger anfällig für Durchfall und ähnliche Krankheiten. Doch diese und weitere Maßnahmen zur Erhöhung des Tierwohls sind aufwendig und teuer. Schließlich bedeutet es vor allem, dass die Tiere weniger Milch, Fleisch oder Eier geben und infolgedessen die Preise für tierische Produkte ansteigen. Laut Schrader funktioniere die Vereinbarung von Ökonomie und Tierwohl bei der Haltung von Milchkühen schon ganz gut. Laut Umfragen legen 90% der Deutschen beim Kauf von tierischen Erzeugnissen besonderen Wert auf eine artgerechte Haltung. Und am nächsten Tag greift ein Großteil davon trotzdem ganz ungeniert zum Discounterfleisch. „Mit Blick auf die gesellschaftliche Debatte stellt sich also die Frage, ob die VerbraucherInnen auch wirklich bereit sind, für Produkte aus artgerechter Tierhaltung mehr zu zahlen.“

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Fördergelder zur Verbesserung der Tiergerechtigkeit
Nach einem kurzen Einblick in die EU-Ausgaben und Agrarpolitik bewertet Angela Bergschmidt, Mitarbeiterin am Institut für Betriebswirtschaft des Thünen-Instituts in Braunschweig, den Nutzen der einzelnen Fördermaßnahmen. Während einige Maßnahmen primär nicht die Tiergesundheit berücksichtigen, stellen andere für die Landwirtschaft keinen ausreichenden Anreiz  für eine Umstellung dar. Anschließend erläutert sie, wie ergebnisorientiertere Honorierungs- und Kontrollsysteme aussehen und welche Daten und Indikatoren hierfür als Basis dienen könnten. „Nicht alles in großen Betrieben schlecht oder alles in kleinen Betrieben gut“, so Bergschmidt. Sie weist in diesem Zusammenhang auch auf das am Thünen-Institut entwickelte nationale Monitoring der Tiergerechtheit hin, das Empfehlungen für die Umgestaltung bisheriger agrarpolitischer Maßnahmen geben soll.
Für eine tiergerechte Haltung ist laut Bergschmidt das Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft enorm wichtig. „Das Problem der Nutztierhaltung liegt nicht in einem Wissensdefizit, sondern in einem Handlungsdefizit. Hinzu kommt die auf Skandale ausgerichtete mediale Berichterstattung. Neutrale Informationen über die Tiergerechtigkeit kommen häufig zu kurz.“

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Gießkannenförderung der Landwirtschaft
Nach Ansicht von Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Thünen-Institut, beginnt der Strategieprozess für eine messbare Verbesserung der Nutztierhaltung bei den gesellschaftlichen Erwartungen. Hier bringe sich die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) mit ihrem Fachforum Nutztiere bereits aktiv ein und entwickle tragfähige und gesellschaftlich akzeptierte Lösungen für die Nutztierhaltung. „Die Wissenschaft braucht einen breiten Blick: Es gilt, die Bedingungen der Praxis, Forderungen der Gesellschaft sowie politische Regelungsmöglichkeiten gleichermaßen miteinzubeziehen. Auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeiten wir im DAFA-Fachforum Nutztiere deshalb gemeinsam mit VertreterInnen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik und Ministerien an langfristig angelegten Konzepten für mehr Tiergerechtigkeit und bringen sie mit den gesellschaftlichen Erwartungen in Einklang“, so Isermeyer. Erste Maßnahmen auf Basis der DAFA-Nutztierstrategie, die bereits auf EU-/Bundesebene eingesetzt wurden, sind zum Beispiel die Reduzierung des Medikamenteneinsatzes in der Ferkelaufzucht  oder Beratungskonzepte zur Minimierung des Federpickens und Kannibalismus in der Legehennenaufzucht.

Isermeyer bemängelt wie Bergschmidt die gegenwärtige Gießkannenförderung von EU und Bund. Diese stellen momentan das Kernproblem der Landwirtschaft dar. Er fordert deshalb partei- und länderübergreifenden Konsens – nicht nur in Hinblick auf die Nutztierhaltung. Statt sich mit kontraproduktiver Forschungsförderung zu verzetteln, müsse die Politik mehr Druck machen und ergänzende Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel die staatliche Förderung artgerechter Tierhaltung. „Die steigende Nachfrage an Bio-Produkten hat gezeigt, dass das Verbot gesellschaftlich unerwünschter Haltungsverfahren nur zum Teil erfolgreich ist. Denn dann weicht der Lebensmittehandel auf preisgünstigere (Bio-)Produkte aus dem Ausland aus“, erläutert Isermeyer.

Slideshow

In der angeregten Diskussionsrunde wurde einmal mehr deutlich, dass artgerechte Tierhaltung sehr unterschiedlich wahrgenommen wird und aktuelle Fördermaßnahmen nicht ausreichen bzw. nicht zielführend sind. Außerdem ist das Verhalten vieler VerbraucherInnen von Widersprüchen geprägt. Viele scheinen beim Einkauf nicht an das Wohl der Tiere zu denken, sondern nur auf den Preis zu achten – obwohl ein Großteil davon für eine artgerechtere Haltung plädiert. Die entstandenen Missstände lassen sich jedoch nicht von selbst lösen. Für messbare Verbesserungen in der Nutztierhaltung bedarf es deshalb einer von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik entwickelten Strategie. Nutztierhaltung zum Nulltarif darf es nicht geben. In diesem Punkt waren sich sowohl ExpertInnen als auch Publikum am Ende der knapp zweistündigen Veranstaltung einig.

Weiter mit Tatsachen? Forschung unter der Lupe geht es am 22. Mai 2014 um 19 Uhr zum Thema: Individualisierte Medizin.

(Autorin: Ann-Kathrin Meyerhof)