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Konstruiertes Leben – wohin führt uns die Synthetische Biologie?

Tatsachen? - Forschung unter der Lupe

Zur Fortführung der Reihe Tatsachen? Forschung unter der Lupe mit fünf Partnern der Forschungsregion Braunschweig nahmen am 27. März 2014 vier Gäste aus Wissenschaft, Journalismus und Kirche die Möglichkeiten und Gefahren der Synthetischen Biologie kontrovers wie spannend unter die Lupe.

„Wollen wir alles, was wir können?“

Zu Beginn gab Professor Stefan Dübel vom Institut für Biotechnologie der Technischen Universität Braunschweig eine kurze Einführung in das Thema. Bei Synthetischer Biologie geht es um die Anwendung von Prinzipen der Ingenieurswissenschaften auf die Lebenswissenschaften, wie beispielsweise die Biologie. So lassen sich lebende Dinge nach den spezifischen Bedürfnissen der Menschen neu entwerfen, indem man einzelne Bausteine bewusst verändert. Ziel ist es dabei, bereits in der Natur vorhandene Vorteile effektiver zu nutzen, indem man sie synthetisch nachstellt. Dadurch ergeben sich viele Möglichkeiten, doch wies Professor Dübel auch auf die Verantwortung hin, die eben diesen entspringt. Er riet deshalb dazu, ethische Maßstäbe und Richtlinien zu setzen und sich zu fragen: „Wollen wir alles, was wir können?“.

Professor Stefan Dübel vom Institut für Biotechnologie der Technischen Universität Braunschweig gibt eine kurze Einführung in das Thema (Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

„Es mag schwer vorstellbar sein, aber es gibt Leute, die Spaß an Wissenschaft haben.“

Sascha Karberg, freier Wissenschaftsjournalist und Verfasser der Reportage "Unser kleines Genlabor", betonte, dass die Kombination von Biologie und Ingenieurswissenschaften die Gentechnik vereinfacht habe. Dies wiederum führte dazu, dass Wissenschaft nun auch außerhalb des klassischen, universitären Umfeldes aktiv betrieben werden kann. Ähnlich der Computerszene hat sich so eine Bewegung von Bio-Hackern entwickelt. Diese seien meist selbst Wissenschaftler. Sie seien sich der Gefahren wie Möglichkeiten ihres Handelns durchaus bewusst und setzen sich selbst Grenzen; eine Gefahr ginge von ihnen daher kaum aus. Es sei lediglich der Spaß an der Wissenschaft, der sie in Heimlaboren und sogenannten community labs auch außerhalb von Universitäten mit leicht zugänglichem, allerdings veraltetem Equipment forschen lasse. Der erleichterte Zugang zu den benötigten Hilfsmitteln führt jedoch auch dazu, dass Laien zunehmend zu Forschenden werden. Sie sporne ebenfalls die Neugierde an, doch bürge der unerfahrene Umgang mit der Materie Gefahren. Sascha Karberg sah die Wissenschaft in der Verantwortung, diese Laien ernst zu nehmen und sie zu unterstützen – denn dies sei der einzige Weg, Einfluss auf die Aktivitäten in den Heimlaboren zu nehmen. Und in den USA gäbe es bereits entsprechende Ansätze.

Ihren Enthusiasmus nutzen Bio-Hacker zudem, um Laien mit Einführungskursen einen Einblick in ihre Arbeit zu ermöglichen. So lassen sich Verständnis fördern und Berührungsängste gegenüber der Wissenschaft abbauen.

„Bio-Safety ist von großer Bedeutung.“

Den Aspekt der Sicherheit hob auch Tobias Unkauf hervor. Er ist Preisträger des internationalen iGEM-Wettbewerbs sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biotechnologie an der TU Braunschweig und verwies darauf, dass Studenten bereits im Studium im Bereich Bio-Safety eingehend geschult werden. Es sei daher nicht zu befürchten, dass aus ihren Versuchen ernsthafte Gefahren entstehen.

Die Forschung im Bereich Synthetischer Biologie sei in Deutschland per Gesetz zudem stark reguliert. Grundsätzlich sei es aber schwierig, in der weltweit vernetzten Welt der Wissenschaft lediglich national zu regulieren. Wichtiger scheine es, eine offene, differenzierte Diskussion zum Thema zu führen – und das weltweit.

„Die Würde und Identität vorhandenen Lebens muss respektiert werden.“

Dabei sei es ebenfalls von entscheidender Bedeutung, die Identität und Würde des vorhandenen und auch scheinbar „defekten“ Lebens zu schützen und zu respektieren, betonte Pfarrer Werner Busch, Regionalstudienleiter der Evangelischen Akademie Abt Jerusalem. Die Kirche sei sich im Klaren darüber, dass vorhandenes Wissen nicht verboten werden könne. Wichtig sei jedoch der richtige, verantwortungsbewusste Umgang mit der neuen Technologie, darin waren sich alle einig. Pfarrer Busch schlug daher vor, Ethik und das Bewusstsein dafür bereits im Studium zu vermitteln. „Es ist gut, dass sich die Kirche am Diskurs beteiligt.“, fügte Professor Dübel an, da ethische Grenzen nur festgelegt werden können, wann man über das Thema und seine Möglichkeiten diskutiere.

„Was nicht kommuniziert wird, schürt Ängste.“

Zudem müsse ein öffentlicher Diskurs über das Thema geführt werden, um ein differenziertes Bild von Synthetischer Biologie zu erzeugen. Tobias Unkauf meinte: „Was nicht kommuniziert wird, schürt Ängste.“ Die Wissenschaftler seien in der Pflicht, ihre Ergebnisse nach außen zu kommunizieren, um  eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu schlagen. Denn mit gesellschaftlichem Verständnis schaffe man auch wirksame Kontrollmechanismen.

(Foto: Haus der Wissenschaft/A. Husic)

Durch den Abend führte Wissenschaftsjournalist Hannes Schlender. Im Anschluss an die Redebeiträge der Referenten gab es für das interessierte Publikum ebenfalls die Möglichkeit, zu Wort zu kommen. Die Fragen lieferten zusätzliche Impulse und Aspekte, welche in die Diskussion aufgenommen wurden.

Die Diskussion machte deutlich, dass das Thema Synthetische Biologie noch viel Raum für weitere Gespräche und Informationen bietet. Es braucht eine offene Diskussion und differenzierte Betrachtung, um einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber zu finden, welche Potenziale wir nutzen wollen und wo für uns die Grenzen der ethischen Vertretbarkeit liegen. Für die Wissenschaft ist diese Diskussion ebenfalls wichtig, da sie den Forscherinnen und Forschern Leitlinien gibt.

Unter dem Hashtag #tatsachen2014 wurde live von der Veranstaltung getwittert. Hier geht´s zum Storify.

(Autorin: Kristin Briese)