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Verlust der Nacht - Die Nacht wird stetig heller

Tatsachen? Forschung unter der Lupe

Dass Lärm einen negativen Einfluss auf unseren biologischen Rhythmus und unser Wohlbefinden ausübt, ist bereits wissenschaftlich erforscht. In Deutschland gibt es daher zahlreiche DIN-Normen und Lärmschutzgesetze, die zum Beispiel vor Umgebungslärm und Ruhestörungen schützen sollen. Aber auch von künstlichem Licht kann eine Bedrohung für Mensch und Tier ausgehen. In der Wissenschaft spricht man von Lichtverschmutzung als eine Form von Umweltverschmutzung. Durch künstliche Beleuchtung im öffentlichen Raum und in unserem privaten Umfeld, verschmutzen wir die natürliche nächtliche Dunkelheit – der Nachthimmel wird aufgehellt, Dunkelräume werden rar und in den Tag-Nacht-Rhythmus bei Mensch und Tier eingegriffen. Es gibt jedoch noch kein ausgeprägtes gesellschaftliches Bewusstsein für die Gefahren von Lichtverschmutzung und auch die Forschung steht erst am Anfang ihrer Erkenntnisse. Um etwas „Licht ins Dunkel“ zu bringen, diskutierten am 31. Januar 2013 vier Referentinnen und Referenten im Haus der Wissenschaft über dieses Thema.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Tatsachen? Forschung unter der Lupe haben das Haus der Wissenschaft Braunschweig und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gemeinsam zu diesem Themenabend eingeladen. Die Diskussionsrunde wurde vom Physiker Dr. Christopher Kyba vom Institut für Weltraumwissenschaften an der Freien Universität Berlin eröffnet. Mit einem Ausschnitt aus seinem Science Slam Vortrag gab er eine unterhaltsame Einführung in das Thema Lichtverschmutzung. Kyba stellte unter anderem heraus, dass nachtaktive Tiere durch Lichtverschmutzung in ihrer Orientierung behindert werden. Das polarisierte Licht am Nachthimmel dient den Tieren als eine Art Kompass. Durch die starke Aufhellung der nächtlichen Dunkelheit, beispielsweise durch Straßenbeleuchtung, können Tiere dieses Nachtlicht jedoch nicht mehr sehen.

Dr. Christopher Kyba bei einem früheren Science Slam Aufritt

Licht beeinflusst das Verhaltensmuster der meisten Tiere

Dr. Annette Krop-Benesch, Koordinatorin im Forschungsverbund ‚Verlust der Nacht‘, führte an späterer Stelle weitere Beispiele für lichtverursachte Unfälle auf. Vögel werden durch die nächtliche Stadtbeleuchtung angezogen und verirren sich, frisch geschlüpfte Meeresschildkröten reagieren stärker auf die hell erleuchteten Hotelanlagen als auf die Lichtreflektionen des Meeres und laufen deshalb in die falsche Richtung und einige Fische durchschwimmen keine ausgeleuchteten Brückenpassagen, was ihr Wanderverhalten beeinträchtigen kann – der Einfluss des künstlichen Lichtes hat gravierende ökologische Folgen, die in ihrem Ausmaß noch nicht vollends erforscht sind.

Künstliche Lichtquellen verändern unseren Tag-Nacht-Rhythmus

Von links nach rechts: Moderatorin Susanne Neuß, Prof. Christoph Randler, Dr. Anette Krop-Benesch, Dr. Christopher Kyba und Josiane Meier

Prof. Dr. Christoph Randler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg verwies auf die ebenfalls nicht zu vernachlässigenden Folgen der Lichtverschmutzung für das menschliche Wohlbefinden. In den vergangen 100 Jahren haben künstliche Lichtquellen starken Einfluss auf die Schlafgewohnheiten und den Biorhythmus ausgeübt. Die Menschen schlafen weniger als vor 100 Jahren. Durch eine gestiegene private Nutzung von PCs oder Flachbildfernsehern kommt es zu zusätzlichen Veränderungen. Der hohe Blauanteil des Bildschirmlichtes bewirkt, dass der Nutzer nicht müde wird. Der verkürzte Schlaf führe wiederum zu Konzentrationsschwächen und beispielsweise schlechteren Schulleistungen bei Kindern und Jugendlichen. Der Tag-Nacht-Rhythmus wird maßgeblich durch das Hormon Melatonin gesteuert. Dieses wird im Gehirn gebildet, jedoch nur bei Dunkelheit. Der Mensch braucht daher eindeutige Unterschiede zwischen hellem Tageslicht und der Dunkelheit bei Nacht. In der heutigen Zivilisationsgesellschaft befinden wir uns jedoch fast immer im Dämmerlicht. Die Ausschüttung des Hormons und damit seine Funktion als biologischer Zeitgeber für unsere „innere Uhr“ ist damit beeinträchtigt.

Lichtverschmutzung - ein junges, interdisziplinäres Forschungsfeld

Die Wissenschaft hält jedoch noch keine genauen Zahlen bereit, die belegen, ab wie viel Lux (Einheit der Beleuchtungsstärke) das Hormon nicht produziert wird. Die Chronobiologin, Dr. Annette Krop-Benesch führt aber aus, dass wir uns im Prinzip im ständigen Jet-Lag befinden. Deutschland sei im Vergleich zu anderen Industrieländern zwar noch relativ dunkel, dennoch benötigen wir ebenfalls Richtlinien und Grenzwerte, die den Grad der zulässigen Lichtverschmutzung regeln. Dipl.-Ing. Josiane Meier vom Institut für Stadt und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin verweist darauf, dass es sich letztlich auch um eine politische Diskussion handelt. Denn die großen Verursacher von Lichtverschmutzung sind Straßenbeleuchtung, innerstädtische Flughäfen oder Konzert- oder Musikstadien, mit großen Werbetafeln. Das Licht wird in diesen Fällen stark in die Umgebung abgestrahlt. Das Potenzial der Kostenersparnis sei ein Argument, mit dem sich die Kommunen auseinandersetzen würden. Die Diskussion müsse aber stärker auf die Problemursachen gelenkt werden. Wo brauchen wir welches Licht? Muss es zu jeder Nachtzeit gleich hell sein, um dem Sicherheitsbedürfnis gerecht zu werden und welches Lampendesign und welche Lichtspektren sind sinnvoll? Diese Fragen gilt es zukünftig wissenschaftlich fundiert zu beantworten und ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte zu rücken.

Die Bevölkerung kann sich für die Bekämpfung der Lichtverschmutzung engagieren

Dr. Kyba verwies auf die Initiativen Globe at Night und Dark Sky Association. Dort werden unter anderem individuelle Beobachtungswerte über den regionalen Nachthimmel gesammelt und ausgewertet. Auch wenn es sich um ungenaue Werte handelt, liefern sie in ihrer Masse gute Tendenzen und Richtwerte. Des Weiteren kann man sich an der öffentlichen Debatte beteiligen, den Kontakt zu regionalen Interessenvertretern suchen und zu Hause auf die umweltfreundliche Nutzung von künstlichen Lichtquellen achten. Abschließend wurde noch einmal betont, dass sich ebenfalls ein Wandel einstellen müsse, wie Dunkelheit von der Gesellschaft bewertet wird. Während Licht als Zeichen für Wohlstand und Sicherheit positive Assoziationen hervorruft, ist Dunkelheit bisher eher negativ besetzt. Da gilt es anzusetzen - die Menschen müssen die natürliche Dunkelheit als etwas Schützenwertes für Mensch und Tier erkennen.

Die Moderatorin Susanne Neuß führte durch den Abend und ließ das interessierte Publikum zwischen den Redebeiträgen der Referentinnen und Referenten zu Wort kommen. Die zahlreichen Fragen lieferten so Impulse, um zusätzliche Aspekte in die Diskussion mit aufzunehmen.

(Autorin: Anke Dreißigacker)