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Doping - Leistung um jeden Preis?

Tatsachen? Forschung unter der Lupe

Claudia Gorille im Gespräch mit Dr. Anja Scheiff, Prof. Wilhelm Schänzer, Fabian Utermöhle und Dr. Heiko Stoff. (Foto: A. Dreißigacker, Haus der Wissenschaft)

„Schneller, höher, stärker!“, heißt das offizielle Motto der Olympischen Spiele. Auch bei den vergangenen Spielen in London wurden sportliche Höchstleistungen von Dopingspekulationen begleitet. Allein der Internationale Leichtathletikverband (IAA) hatte seit Ende der diesjährigen Spiele 24 Dopingfälle zu prüfen. Längst beschränkt sich Doping nicht nur auf den Hochleistungssport. Immer häufiger nehmen auch Freizeitsportlerinnen und -sportler leistungsfördernde Mittel ein.
Gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung haben wir am 27. September 2012 eine Expertenrunde zum Thema Doping im Leistungs- und Freizeitsport ins Haus der Wissenschaft Braunschweig eingeladen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Tatsachen? Forschung unter der Lupe“ berichteten sie über ihre Forschungsarbeit und die Motive zum Dopingkonsum.

Doping-Kontroll-System im Spitzensport

Dr. Anja Scheiff, Pharmazeutin bei der Nationale Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) in Bonn bot einen Einblick in die Arbeit der NADA, die nicht nur den Bereich Durchführung und Fortentwicklung des Doping-Kontroll-Systems umfasst, sondern sich auch als Beratungsstelle  für Prävention und Aufklärung zur Problematik des Dopings im (Leistungs-)Sport versteht. Dr. Anja Scheiff war selbst bei den Olympischen Spielen 2012 in London dabei. In der Apotheke im Deutschen Haus wurden Fragen zur Dopingrelevanz von Arzneimitteln sowie pharmazeutische Fragen von der NADA-Apothekerin Dr. Anja Scheiff beantwortet. Zudem wurden dort zulässige dopingfreie Arzneimittel angeboten.

Je nach Risikogruppe müssen sich deutsche Athletinnen und Athleten, die zur absoluten Weltspitze gehören pro Jahr etwa drei bis vier unangekündigten Doping-Kontrollen unterziehen. Diese erfolgen auf Initiative und nach Vereinbarung mit den Sportverbänden. Um unangekündigte Kontrollen außerhalb der Wettkämpfe durchführen zu können, müssen Athletinnen und Athleten im Voraus Angaben zu Aufenthaltsort und Erreichbarkeit bei der NADA einreichen. Derzeit befinden sich rund 8000 bis 9000 Athleten in diesen sogenannten Testpools. Wird eine Sportlerin oder ein Sportler von einem Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen oder versäumt sie oder er rechtzeitig seine Quartalsmeldung bei der NADA einzureichen, wird dies als „Strike“ gewertet und entsprechend geahndet.  Durchgeführt werden die Kontrollen durch speziell geschulte Kontrolleure der Firma PWC GmbH (Private Worldwide Controls), welche die Kontrollen im Auftrag der NADA durchführen. Deutschlandweit sind etwa 120 Kontrolleure im Einsatz.

Besonders „dopinganfällig“ sind Ausdauer – und Kraftsportarten zum Beispiel Leichtathletik, Radsport oder Gewichtheben. Sie zählen zur Kategorie A – der höchsten von insgesamt drei Risikogruppen. Mannschaftssportarten wie Hockey, Fußball oder Basketball werden mit „gemäßigtem Risiko“ in Kategorie B eingestuft. Die dritte Kategorie C umfasst schließlich Sportarten wie Fechten, Tanzen oder Reiten, in denen eher selten eine „unphysiologische“ Leistungssteigerung erfolgt. Im Krankheitsfall können Sportlerinnen und Sportler bei der NADA eine Ausnahmeregelung beantragen, beispielsweise wenn sie unter Diabetes oder Bluthochdruck leiden und auf die Einnahme von Substanzen angewiesen sind, die auf der Doping-Liste stehen.  Vor der Erteilung einer solchen Ausnahmeregelung werden der klinische Befund sowie alternative Behandlungsmethoden geprüft.

Hase- und Igel-Wettlauf mit den Dopingsündern

Ein sehr interessiertes Publikum, unter ihnen viele Sportler. (Foto: A. Dreißigacker, Haus der Wissenschaft)

Im Bereich der präventiven Dopingforschung arbeitet die NADA eng mit Prof. Wilhelm Schänzer,  Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, einem weltweit führenden Labor im Bereich der Dopinganalytik, zusammen. Der Biochemiker forscht unentwegt an Kontrollverfahren, um die Vielzahl an neuen Präparaten identifizieren und nachweisen zu können; noch bevor sie auf dem Markt zugelassen sind. Die bei einer Kontrolle abgegebene Urinprobe wird zur Überprüfung eines Dopingverstoßes auf rund 300 verbotene Substanzen getestet. Die entnommene Blutprobe dient in erster Linie zur Überprüfung von Erythropoietin, besser bekannt unter der Abkürzung EPO. Professor Schänzer berichtete von florierenden Untergrundlabors oder der Pharmaindustrie in China, die in Deutschland zahlreiche Dopingpräparate  auf dem Schwarzmarkt bringen und ihn als Forscher vor immer neue Herausforderungen stellen. Darüber hinaus kritisierte er, dass ein Großteil der auf dem Markt käuflichen Schmerzmittel und Psychopharmaka aktuell noch nicht auf der Verbotsliste stünde.

Selbst im Breitensport seien Schmerzmittel und leistungssteigernde Substanzen weit verbreitet. Professor Schänzer verweist in diesem Zusammenhang auf eine Untersuchung im Jahr 2009, bei der die 1.024 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bonn-Marathons vor dem Start zu ihrem Schmerzmittelkonsum befragt wurden. 71% gaben zu, vor dem Start ein schmerzstillendes Medikament eingenommen zu haben.

Auf Nachfrage aus dem Publikum erläuterte Professor Schänzer, dass durch die Einnahme von Amphetaminen selbst eine mentale Leistungssteigerung möglich sei.

Doping im Freizeitsport

Dass Doping längst auch Einzug in den Freizeitsport genommen hat, verdeutlichte Fabian Utermöhle, Bachelorstudent des Faches Sport an der Technischen Universität Braunschweig. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit befragte er in einem anonymisierten Interview drei junge Menschen im Alter von 18 bis 20 Jahren über ihre Erfahrungen mit leistungssteigernden Präparaten. Alle drei Probanden gaben zu, Steroide, Amphetamine oder andere leistungsfördernde Mittel einzunehmen – und das trotz erheblicher Nebenwirkungen. Das Motiv für den Doping-Konsum von Jugendlichen im Freizeitsport sieht Utermöhle in einem noch nicht gefestigten Selbstbild der Heranwachsenden sowie dem Körperkult, der insbesondere durch die Medien hervorgerufen wird. Als Keimzelle des Dopings spricht er die Fitness-Studios an. Auf diversen Internetseiten könne dann jeder problemlos das passende Mittelchen bestellen, um sich vom “kleinen Pimpf” zum Muskelprotz zu entwickeln.

Geschichte des Doping: Von Verjüngungshype und Fairness

Dr. Anja Scheiff, Prof. Wilhelm Schänzer, Fabian Utermöhle und Dr. Heiko Stoff stellen sich den Fragen des Publikums. (Foto: A. Dreißigacker, Haus der Wissenschaft)

Von stählernen Körpern über den Wunsch nach ewiger Jugend und Konzepte zur Verjüngung vom späten 19. Jahrhundert bis ins Dritte Reich berichtete PD Dr. Heiko Stoff vom Historischen Seminar der Technischen Universität Braunschweig. Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit liegt im Bereich der Wissenschaftsgeschichte bei Körper-, Geschlechter- und Sexualitätengeschichte. Ende des 19. Jahrhunderts bildet sich die moderne Leistungsgesellschaft heraus, bei der messbare bzw. vergleichbare Leistungen und der nationale Wettkampf an Bedeutung gewinnen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führten bereits Experimente am eigenen Körper durch um ihre körperlichen Mängel durch Hinzugabe von Hormonen oder ähnlichem zu kompensieren oder gar die Leistungsfähigkeit zu steigern. Zudem förderte ein beginnender Verjüngungshype und der Wandel von Körperkonzepten die Experimentierbereitschaft mit Substanzen, derren Struktur noch nicht einmal bekannt war.

Darüber hinaus sprach PD Dr. Heiko Stoff auch die angestrebte Chancengleichheit im Sport an. Wie bekommt man Fairness und Leistung unter einen Hut? Fairplay wird nicht nur durch Doping verhindert, sondern eventuell auch durch die unterschiedlichen Trainingsbedingungen der einzelnen Athletinnen und Athleten in westlichen Staaten und Entwicklungsländern.

Dass das Thema Doping das Interesse der breiten Öffentlichkeit weckt, bewies an diesem Abend ein fachkundiges Publikum, dessen zahlreiche Fragen die angeregte Diskussion abrundeten.

(Autorin: Ann-Kathrin Meyerhof)